Prävention und Schutz

FGM/C zu verhindern bedeutet, Mädchen zu schützen, Familien zu stärken und Gemeinschaften in Veränderungsprozessen zu begleiten. Erfolgreiche Prävention verbindet Aufklärung, Empowerment, Fachwissen und wirksame Schutzsysteme – sowohl in den Herkunftsländern als auch in Deutschland.
Prävention im Herkunftsland
1. Community-Aufklärung und sozialer Normenwandel
Die Veränderung sozialer Normen gilt als einer der wirksamsten Ansätze zur Prävention von FGM/C. Dialoge mit Familien, religiösen und traditionellen Autoritäten, jungen Menschen sowie den Beschneiderinnen (Exzisorinnen) tragen dazu bei, Tabus aufzubrechen und bestehende Vorstellungen kritisch zu hinterfragen.
Die Einbindung von Beschneiderinnen spielt dabei eine besondere Rolle. Viele Präventionsprogramme unterstützen sie dabei, ihre Tätigkeit aufzugeben und alternative Einkommensmöglichkeiten zu entwickeln. Gleichzeitig werden sie als Multiplikatorinnen in Aufklärungsprozesse eingebunden.
2. Empowerment von Mädchen und Frauen
Empowerment stärkt Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit. Maßnahmen umfassen Menschenrechtsbildung, geschützte Gesprächsräume sowie Programme zur Förderung von Selbstvertrauen, Sicherheit und Handlungskompetenz. Mädchen und Frauen werden dadurch befähigt, informierte Entscheidungen zu treffen und sich gegen FGM/C auszusprechen.
3. Bildung
Bildung wirkt nachweislich präventiv. Mädchen, deren Mütter mindestens eine Grundbildung erhalten haben, sind deutlich seltener von FGM/C betroffen. Schulen sind deshalb wichtige Orte der Prävention und Aufklärung.
4. Netzwerke und internationale Programme
Nachhaltige Prävention gelingt durch die Zusammenarbeit verschiedener Akteur*innen:
Community-basierte Initiativen fördern Veränderungen innerhalb der Gemeinschaften, beispielsweise durch geschulte Community-Trainer*innen oder lokale Vorbilder.
Internationale Programme unterstützen den sozialen Normenwandel, stärken staatliche und zivilgesellschaftliche Strukturen und fördern die Durchsetzung bestehender Gesetze gegen FGM/C.
Medien- und Informationskampagnen sensibilisieren die Bevölkerung und zeigen Alternativen zu FGM/C auf.
Prävention und Schutz in Deutschland
1. Aufklärung und Beratung
Aufklärungsangebote richten sich insbesondere an betroffene Communities sowie an Familien mit Bezug zu Herkunftsländern, in denen FGM/C praktiziert wird. Kultursensible Beratung vermittelt Wissen über gesundheitliche Folgen, Menschenrechte und die Rechtslage in Deutschland und unterstützt Familien dabei, sich gegen den sozialen Druck zur Durchführung von FGM/C zu entscheiden.
2. Schulung von Fachkräften
Professionelle, kultursensible Unterstützung ist entscheidend. Schulungen richten sich an:
Gesundheitswesen
Ärzt*innen, Hebammen, Pflegefachkräfte und Mitarbeitende der Geburtshilfe benötigen Kenntnisse über die verschiedenen Formen von FGM/C, mögliche gesundheitliche Folgen sowie traumasensible Kommunikation.
Internationale Schulungsmaterialien, beispielsweise der WHO, unterstützen Fachkräfte dabei, FGM/C angemessen anzusprechen und präventiv tätig zu werden.
Soziale Arbeit und Beratung
Sozialarbeiter*innen, Jugendämter, Frauenberatungsstellen und Schutzunterkünfte müssen Risikofaktoren erkennen, kultursensibel handeln und betroffene Mädchen und Frauen sicher begleiten können.
Bildungsbereich
Lehrkräfte und Schulsozialarbeit nehmen häufig früh Veränderungen im Verhalten oder Hinweise auf eine Gefährdung wahr und können Schutzmaßnahmen einleiten.
3. Netzwerke und Präventionsprojekte
Eine wirksame Prävention erfordert die Zusammenarbeit unterschiedlicher Institutionen:
Regionale und bundesweite Netzwerke aus Beratungsstellen, Frauenhäusern, Gesundheitsdiensten und Fachberatungen ermöglichen schnellen Wissenstransfer und abgestimmte Unterstützung.
Community-basierte Projekte stärken den Dialog mit den betroffenen Communities und fördern Prävention durch Vertrauenspersonen.
Öffentlichkeits- und Kampagnenarbeit trägt dazu bei, das Thema sichtbar zu machen und Hilfsangebote bekannt zu machen.
4. Schutzkonzepte im Kinderschutz
Mädchen, die von FGM/C bedroht sind, benötigen ein verlässliches Schutzsystem:
FGM/C gilt als Kindeswohlgefährdung. Jugendämter müssen bei konkretem Verdacht geeignete Schutzmaßnahmen einleiten – bis hin zur Inobhutnahme oder familiengerichtlichen Maßnahmen bei drohender Auslandsbeschneidung („Ferienbeschneidung“).
Schutzkonzepte in Schulen, Kitas, Jugendhilfe und medizinischen Einrichtungen helfen, Risiken frühzeitig zu erkennen und verbindliche Handlungsabläufe einzuhalten.
Eine enge Zusammenarbeit zwischen Schule, Jugendamt, Polizei, Beratungsstellen und Gesundheitswesen ist für einen wirksamen Schutz unerlässlich.
Mädchen haben Anspruch auf vertrauliche beziehungsweise anonyme Beratung – auch ohne Kenntnis ihrer Eltern.
Im Einzelfall kann ein individueller Sicherheitsplan dazu beitragen, akute Gefährdungen zu vermeiden.
Kurzfazit
Prävention gegen FGM/C ist erfolgreich, wenn Maßnahmen sowohl in den Herkunftsländern als auch in Deutschland ineinandergreifen:
Im Herkunftsland stehen der soziale Normenwandel, Community-Aufklärung, die Einbindung von Beschneiderinnen, Empowerment sowie Bildungs- und Entwicklungsprogramme im Mittelpunkt.
In Deutschland sind kultursensible Beratung, qualifizierte Fachkräfte, funktionierende Netzwerke und konsequente Kinderschutzmaßnahmen entscheidend, um gefährdete Mädchen wirksam zu schützen.





