Hintergründe und Ursachen

Regionale Unterschiede in Praxis und Motivation
Die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung/Beschneidung (FGM/C) ist nicht überall gleich verbreitet – sie tritt vor allem in bestimmten Regionen Afrikas, des Nahen Ostens und Südasiens auf. Laut der World Health Organization (WHO) gibt es mindestens 230 Millionen Mädchen und Frauen in über 30 Ländern, in denen FGM/C weit verbreitet ist, typischerweise in westlichen, östlichen und nordöstlichen Regionen Afrikas sowie in einigen Ländern im Nahen Osten und Asien. In diesen Bereichen wird FGM/C oft schon im Kindesalter durchgeführt, meist noch vor dem 15. Geburtstag.
In einigen Ländern ist der Anteil extrem hoch, häufig zwischen 80 % und nahezu 100 % – beispielsweise in Teilen von Somalia, Guinea oder Sudan – was die starke Verankerung der Praxis in den jeweiligen Gemeinschaften widerspiegelt.
Die Gründe für die Durchführung von FGM/C variieren von Region zu Region und sind stark sozial und kulturell geprägt. Dabei spielen insbesondere soziale Normen, der Wunsch nach sozialer Akzeptanz und familiärem Ansehen, sowie Vorstellungen von der Vorbereitung auf das Erwachsensein und die Ehe eine Rolle. In vielen Gemeinschaften gilt FGM/C als notwendiger Schritt für die Eingliederung in die Gesellschaft oder zur Sicherung der Heiratschancen. Darüber hinaus steht die Praxis häufig in Zusammenhang mit Vorstellungen über weibliche Sexualität. FGM/C soll in einigen Gemeinschaften das sexuelle Verlangen von Frauen und Mädchen reduzieren, ihre sexuelle Aktivität kontrollieren und voreheliche oder außereheliche Sexualität verhindern. Die Praxis wird somit auch als Mittel zur Kontrolle des weiblichen Körpers und der weiblichen Sexualität verstanden.
Zu diesen soziokulturellen Motivationen gehören:
Soziale Konventionen und Normdruck: In Gemeinschaften, in denen FGM/C üblich ist, steht der soziale Druck im Mittelpunkt – Familien befürchten Ablehnung oder Stigmatisierung, wenn sie die Praxis nicht fortführen.
Rolle im Lebensübergang (Rite of Passage): FGM/C wird oft als Teil des Übergangs ins Erwachsenenleben bzw. als Vorbereitung auf die Ehe verstanden.
Kontrolle von Sexualität: In manchen Regionen wird die Praxis genutzt, um (vermeintlich) sexuelle Reinheit und Treue zu sichern.
Traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit: FGM/C ist häufig mit lokalen Idealen von Sauberkeit, Schönheit oder weiblicher Identität verknüpft.
Fehlannahmen über Religion: Obwohl keine große Weltreligion FGM/C vorschreibt, glauben manche Menschen, sie sei religiös gerechtfertigt.
Diese Unterschiede zeigen, dass FGM/C nicht ein einziges einheitliches Phänomen ist, sondern stark von lokal verankerten Normen, Traditionen und sozialen Mechanismen bestimmt wird.
FGM/C ist somit eine geschlechtsspezifische Gewaltform und eine schwerwiegende Menschenrechtsverletzung. Sie betrifft überwiegend minderjährige Mädchen und steht häufig in engem Zusammenhang mit weiteren Praktiken wie Früh- und Zwangsverheiratung (EFM – Early and Forced Marriage).
Wie hängen FGM/C und EFM zusammen? – Kurz erklärt
FGM/C und EFM treten in vielen Regionen gemeinsam auf und verstärken sich gegenseitig. Beide Praktiken sind Ausdruck patriarchaler Machtstrukturen und dienen der Kontrolle weiblicher Sexualität.
1. Gleiche Zielgruppe
Beide Praktiken betreffen überwiegend minderjährige Mädchen (0–15 Jahre).
2. Gemeinsame Ursache: Kontrolle über Mädchen und Frauen
Sowohl FGM/C als auch EFM sollen sicherstellen, dass Mädchen:
„keusch“ bleiben,
verheiratbar sind,
der familiären und sozialen Norm entsprechen.
3. FGM/C als „Voraussetzung“ für Verheiratung
In vielen Communities gilt FGM/C als notwendiger Schritt, um ein Mädchen „heiratsfähig“ zu machen.
FGM/C wird daher, wenn es nicht schon Kleinkindalter erfolgt ist, oft vor einer geplanten Ehe durchgeführt oder ist eng mit dem Heiratsritus verknüpft.
4. Soziale und ökonomische Faktoren
Familien versprechen sich:
höhere Heiratschancen,
gesellschaftliche Anerkennung,
teilweise wirtschaftliche Vorteile wie einen höheren Brautpreis.
FGM/C und EFM stabilisieren somit dieselben sozialen Normen.
5. Folgen verstärken sich gegenseitig
Beide Praktiken führen zu:
schweren körperlichen und psychischen Schäden,
Abbruch von Bildung,
lebenslanger Abhängigkeit und Gewalt.
Kurzfazit:
FGM/C und EFM sind zwei eng miteinander verwobene Formen geschlechtsspezifischer Gewalt.
Sie entspringen den gleichen patriarchalen Strukturen, verfolgen die gleiche Logik der Kontrolle und treffen häufig dieselben Mädchen – oft in direkter zeitlicher Abfolge.





