Pressemitteilung zum Weltflüchtlingstag 2026: Flucht endet nicht mit der Ankunft
Koblenz, 18. Juni 2026 – Anlässlich des Weltflüchtlingstags am 20. Juni richtet die Frauenrechtsorganisation SOLWODI den Blick auf das, was nach der Ankunft passiert: Auf Asylverfahren, die Traumatisierte an ihre Grenzen bringen, auf Unterkünfte ohne Schutzkonzept und auf Beratungsangebote, die ausgedünnt werden, während der Bedarf wächst. Dieser Blick fällt in eine besondere Zeit: Seit dem 12. Juni 2026 gilt EU-weit die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) – mit weitreichenden Folgen für Asylverfahren in Deutschland.
Bei der Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) müssen Schutzsuchende ihre Fluchtgründe vollständig, widerspruchsfrei und möglichst detailliert schildern. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist für viele der Frauen, die SOLWODI begleitet, schlicht nicht möglich. Wer Monate oder Jahre in Ausbeutung gelebt hat, wer geflohen ist, wer Gewalt erfahren hat, erinnert sich nicht chronologisch. Traumatische Erinnerungen funktionieren anders, denn sie sind fragmentiert, lückenhaft, manchmal widersprüchlich und sie kommen schon gar nicht auf Abruf. Das Asylverfahren kennt diesen Mechanismus nicht. Wer beim ersten Gespräch schweigt oder Details nicht benennen kann, gilt später oft als unglaubwürdig. Ein System, das Trauma nicht ernst nimmt, lässt Betroffene somit wiederholt im Stich.
Besonders folgenreich ist, dass Menschenhandel im deutschen Asylrecht keinen eigenständigen Asylgrund darstellt. Selbst Frauen, die in Deutschland ausgebeutet wurden, müssen dennoch ein vollständiges Asylverfahren durchlaufen, ohne dass das Erlebte automatisch als Schutzgrund anerkannt wird. Aus der Beratungspraxis von SOLWODI wissen wir, dass manche Frauen weder lesen noch schreiben können. Andere haben keine westlichen Zeitvorstellungen und können Ereignisse nicht auf Monate und Jahre datieren. Wieder andere erinnern sich an Einzelheiten erst dann, wenn sie Wochen oder Monate lang in Sicherheit sind. Im Verfahren zählt das alles als Widerspruch. Auch gleichartige Schilderungen verschiedener Betroffener spiegeln eher die Standard-Methoden der Täter wider und keine mangelnde Glaubwürdigkeit der Frauen.
„Viele Frauen, die zu uns kommen, sind Überlebende. Was sie benötigen, ist Zugang zu Beratung und Behörden, die wissen, was Trauma mit Erinnerung macht“, betont Dr. Maria Decker, Vorsitzende von SOLWODI Deutschland e. V.
Für SOLWODI ist der Weltflüchtlingstag ein Anlass, laut zu sagen, was in den Beratungsgesprächen längst bekannt ist: Die Grenze zu überqueren ist nicht das Ende der Flucht, sondern es ist oft erst der Beginn.
Genau an diesem Punkt verschärft die GEAS-Reform die Lage. Menschen aus Ländern mit einer EU-weit niedrigen Anerkennungsquote durchliefen bisher das reguläre Asylverfahren mit bis zu sechs Monaten Bearbeitungszeit. Künftig fallen sie verpflichtend in das neue Asylgrenzverfahren – direkt an der Grenze, noch vor der offiziellen Einreise, mit einer Frist von maximal zwölf Wochen. Für genau diese Gruppe schrumpft die Zeit für das Verfahren also drastisch. Eine Ausnahme soll greifen, wenn besondere Schutzbedarfe vorliegen, die im Grenzverfahren nicht angemessen berücksichtigt werden können – dann wird ins reguläre Verfahren gewechselt.
Ob diese Ausnahme greift, entscheidet sich jedoch an der frühesten, kritischsten Stelle des Verfahrens, dem sogenannten Screening direkt nach der Einreise, für das die Bundespolizei zuständig ist. Die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) kritisiert, dass dafür bundeseinheitliche Standards zur Erkennung von Traumatisierungen fehlen. Im Klartext heißt das, Rechte wie die unabhängige Verfahrensberatung bleiben zwar gesetzlich bestehen, geraten aber genau dann unter Druck, wenn ein Verfahren auf zwölf Wochen verkürzt wird – Zeit, die Frauen mit Menschenhandels- oder Gewalterfahrung oft erst nach Wochen oder Monaten finden, um über das Erlebte zu sprechen.
SOLWODI macht deutlich: Vertrauen entsteht nicht auf Knopfdruck, und traumatisierte Frauen brauchen Zeit, um über Erlebtes sprechen zu können. Wenn Schutzbedarfe innerhalb von zwölf Wochen nicht erkannt werden, drohen Fehlentscheidungen mit weitreichenden Folgen für Frauen, die ohnehin schon alles verloren haben, was Sicherheit bedeutet.
Bild zur Meldung: Symbolbild: Annette Heines für SOLWODI





