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Abschiebedruck erschwert freiwillige Rückkehr: SOLWODI fordert Umdenken

19.​05.​2026

Koblenz, 19.05.2026 – In migrationspolitischen Debatten wird die Rückkehr in das Herkunftsland häufig als praktikable Lösung dargestellt. Die Frauenrechtsorganisation SOLWODI, die sich für von Gewalt betroffene Frauen mit Flucht- und Migrationserfahrung einsetzt, bewertet diesen Ansatz jedoch kritisch. Aus der, Perspektive der von SOLWODI beratenen Frauen, zeigt sich ein deutlich differenzierteres Bild: Für viele Betroffene ist eine Rückkehr mit erheblichen Risiken, Unsicherheiten und strukturellen Hürden verbunden. Daher ist es entscheidend, das Thema Rückkehr – unabhängig davon, ob sie freiwillig erfolgt oder erzwungen wird – stets im Kontext der individuellen Lebenssituation der Klientin zu betrachten. Dabei müssen sowohl ihre aktuelle Lage in Deutschland als auch die konkreten Bedingungen und Perspektiven im Herkunftsland berücksichtigt werden.

 

Im Rahmen eines durch die Europäische Union geförderten Projekts, das aus dem Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) finanziert wird, setzt SOLWODI seine Rückkehr- und Reintegrationsberatung fort und rückt dabei die konkreten Lebensumstände der Betroffenen in den Mittelpunkt. „Rückkehr ist kein standardisierter Prozess und selten das Ergebnis freier Wahl. Meist geht es darum, unter prekären Bedingungen und begrenzten Möglichkeiten einen gangbaren Weg zu finden“, sagt Greta Tünkler, Projektleiterin des SOLWODI Rückkehr- und Reintegrationsprojekts. „Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam mit den Frauen die Rahmenbedingungen einer möglichen Rückkehr sorgfältig zu analysieren.“

 

Die aktuelle Beratungspraxis ist zunehmend von wachsendem Ausreisedruck und einer Verschärfung der Abschiebepolitik geprägt. Dies erschwert die Planbarkeit erheblich: Abschiebungen erfolgen teils auch dann, wenn Frauen bereits in Beratung sind oder eine freiwillige Ausreise vorbereitet haben. In Einzelfällen wurden Frauen wenige Tage vor einem geplanten Rückflug abgeschoben – eine Erfahrung, die Vertrauen in geregelte Verfahren erschüttert. Gleichzeitig berichten Beraterinnen davon, dass Abschiebungen einzelner Familienmitglieder gezielt eingesetzt werden, um Druck auf Frauen auszuüben. So sehen sich beispielsweise alleinerziehende Mütter gezwungen, ihre erwachsenen Kinder an ständig wechselnden Orten unterzubringen, um deren Abschiebung zu verhindern. Diese Unsicherheit führt dazu, dass selbst bei geplanter freiwilliger Rückkehr eine dauerhafte Angst vor Abschiebung besteht. Eine selbstbestimmte Entscheidung wird dadurch erheblich erschwert.

Besonders problematisch ist dabei der Widerspruch zwischen beworbenen Rückkehr- und Reintegrationsprogrammen und der gleichzeitigen Angst vieler Betroffener vor einer kurzfristigen Abschiebung. Frauen, die grundsätzlich zu einer freiwilligen Rückkehr bereit wären, geraten durch den zunehmenden Abschiebedruck unter erheblichen psychischen Stress. Dies erschwert nicht nur eine selbstbestimmte Entscheidung, sondern beeinträchtigt auch die Arbeit der Beratungsstellen erheblich. Vertrauensaufbau, Perspektivplanung und die Vorbereitung einer sicheren Rückkehr werden dadurch zunehmend unvorhersehbar.

 

Auch in den Herkunftsländern stehen viele Frauen vor großen Herausforderungen. Patriarchale Strukturen, wirtschaftliche Unsicherheit und soziale Stigmatisierung bestimmen häufig die Ausgangslage. Die Beratung unterstützt dabei, individuelle Risiken realistisch einzuschätzen – etwa hinsichtlich Sicherheit, familiärer Abhängigkeiten, Gesundheit oder Perspektiven für Kinder und deren Bildung. Ziel ist es, tragfähige Wege zu entwickeln und Handlungsspielräume zu eröffnen.

Auch nach der Rückkehr bleiben die Hürden hoch: Oft fehlen stabile Netzwerke, bezahlbarer Wohnraum und ein gesichertes Einkommen. Fehlende Ausweisdokumente können zusätzlich den Zugang zu zentralen Bereichen wie Bildung, Bankkonten oder Mietverträgen erschweren.

 

Der Aufbau einer eigenständigen Existenz ist häufig schwierig – durch wirtschaftliche Barrieren ebenso wie durch gesellschaftliche Einschränkungen, vor allem für alleinstehende Frauen. SOLWODI begleitet Betroffene daher über die Rückkehr hinaus und arbeitet mit lokalen NGOs zusammen. „Wir können keine perfekten Bedingungen schaffen“, so Tünkler. „Aber wir unterstützen Frauen dabei, Perspektiven zu entwickeln und eine Grundlage für ihre Zukunft zu schaffen.“

 

„Freiwillige Rückkehr kann nur dann funktionieren, wenn Frauen Zeit, Sicherheit und echte Entscheidungsspielräume haben“, betont Tünkler. „Wer gleichzeitig Beratung anbietet und mit Abschiebung droht, untergräbt Vertrauen und verhindert nachhaltige Lösungen. Eine Rückkehr mit Würde braucht Verlässlichkeit statt Druck.“

 

Die in dieser Veröffentlichung dargestellten fachlichen Einschätzungen beruhen ausschließlich auf den Beratungserfahrungen von SOLWODI Deutschland e. V. im Rahmen des Projekts. Sie geben nicht die Position des Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF) oder der Europäischen Union wieder.

 

Bild zur Meldung: Symbolbild: Christoph Lodewick für SOLWODI

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