Neuer Bundeslagebericht: Sexuelle Ausbeutung bleibt dominierende Ausbeutungsform - SOLWODI fordert Schutz für betroffene Frauen und mehr Kontrolle
Das Bundeskriminalamt hat das Bundeslagebild Menschenhandel und Ausbeutung 2024 veröffentlicht. Demnach wurden insgesamt 576 Ermittlungsverfahren im Bereich Menschenhandel und Ausbeutung abgeschlossen. Die höchste Zahl weist der Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung mit rund 364 Verfahren auf – der höchste Wert der letzten zehn Jahre. Fälle, die im Verfahrensverlauf aus unterschiedlichen Gründen eingestellt wurden, sind nicht Teil des Berichts.
Insgesamt wurden im Rahmen der Verfahren 465 Betroffene von Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung erfasst, ein Anstieg von 8,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Weiterhin zugenommen hat der Menschenhandel in der Wohnungsprostitution: In 270 Fällen wurde sexuelle Ausbeutung in Privatwohnungen festgestellt, während es 2023 noch 201 waren. Dies entspricht dem von SOLWODI schon seit Längerem beobachteten Trend, dass sich Prostitution weg von Bordellen und Laufhäusern und hin zur Wohnungsprostitution mit Anbahnung durch das Internet verlagert. Privatwohnungen sind jedoch unter der gegenwärtigen Prostitutionsgesetzgebung für die Polizei nur schwer zu kontrollieren, was den Menschenhandel begünstigt.
Laut Bundeslagebild repräsentieren deutsche Frauen die größte Gruppe der Betroffenen.
Sie sind besser über ihre Rechte als deutsche Staatsbürgerinnen informiert und es besteht wohl eher ein Grundvertrauen in die Behörden, weshalb die Wahrscheinlichkeit für eine Anzeige höher ist als bei anderen Nationalitäten. In der täglichen Arbeit von SOLWODI sind es jedoch vor allem Frauen aus Nigeria und anderen westafrikanischen Ländern, die sexuelle Ausbeutung erfahren. Sie werden durch falsche Versprechungen und die Aussicht auf bessere finanzielle und berufliche Perspektiven nach Deutschland gelockt und so in Abhängigkeit gebracht. Gerade für sie ist die Wahrscheinlichkeit, eine Anzeige zu erstatten, sehr gering. Angst vor den Hintermännern und die mangelnden Erfolgsaussichten eines Verfahrens verhindern vielfach den Gang zur Polizei.
In der Kontaktstatistik von SOLWODI wurden im Jahr 2024 insgesamt 285 Frauen erfasst, die von Zwangsprostitution und Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung betroffen waren oder bei denen dieser Verdacht bestand. Zählt man weitere Formen des Menschenhandels hinzu, beispielsweise Arbeitsausbeutung, so waren insgesamt 332 Frauen betroffen. Die allermeisten dieser Fälle führten jedoch nicht zu einer Anzeige. „Die Dunkelziffer ist immens: Den 364 abgeschlossenen Verfahren stehen in Wahrheit ein Vielfaches an Betroffenen gegenüber. Viele Frauen trauen sich nicht zur Polizei, da sie die behördlichen Strukturen und ihre Rechte nicht kennen, oder sie werden massiv eingeschüchtert“, sagt Dr. Maria Decker, Vorstand SOLWODI Deutschland e.V.
Sexuelle Ausbeutung macht auch vor Minderjährigen keinen Halt: 209 Ermittlungsverfahren mit minderjährigen Betroffenen wurden laut dem Bundeslagebild abgeschlossen, davon rund 195 Verfahren wegen kommerzieller sexueller Ausbeutung. Ein Zuwachs von 7,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das durchschnittliche Alter der Betroffenen lag bei 15 Jahren.
„Menschenhandel folgt der Nachfrage“, betont Decker. „Deshalb setzen wir uns für die Einführung des Nordischen Modells ein, das unter anderem eine Bestrafung von Freiern vorsieht und damit die Nachfrage nach Prostitution senkt.“
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