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SOLWODI +++ Aktuell

SOLWODI Aktuell Nr. 229 vom 14.08.2026

 

Zehn Jahre französisches Prostitutionsgesetz:

Eine aktuelle Studie zeigt breite gesellschaftliche Zustimmung

 

 

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Interessierte,

 

während in Deutschland weiterhin darüber diskutiert wird, wie Prostitution künftig gesetzlich geregelt werden sollte, zieht Frankreich Bilanz: Fast zehn Jahre nach Inkrafttreten des abolitionistischen Gesetzes zeigt eine aktuelle repräsentative IPSOS-Studie, dass die große Mehrheit der französischen Bevölkerung den eingeschlagenen Weg unterstützt. Das 2016 verabschiedete Gesetz folgt einem abolitionistischen Ansatz, der dem Nordischen Modell in zentralen Punkten ähnelt: Es stellt nicht Menschen in der Prostitution unter Strafe, sondern nimmt die Nachfrageseite in den Blick – den Kauf sexueller Handlungen. Gleichzeitig sieht es umfassende Ausstiegs- und Unterstützungsangebote für Betroffene vor.

 

Die Ergebnisse der Befragung zeichnen ein klares Bild: 92 Prozent der Französinnen und Franzosen bewerten das Gesetz positiv, mehr als die Hälfte sogar als „sehr gute Sache“. Besonders große Zustimmung erfahren Maßnahmen, die den Schutz von Menschen in der Prostitution stärken. Fast alle Teilnehmenden an der Studie sprechen sich für einen weiteren Ausbau der Ausstiegshilfen aus, befürworten mehr Präventionsarbeit für junge Menschen sowie eine konsequentere Bekämpfung des Zuhälterwesens und des Menschenhandels. Auch die Verantwortung der Nachfrageseite wird deutlich gesehen: 93 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass Freier Verantwortung für das Prostitutionssystem tragen.

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Ebenso eindeutig ist die kritische Haltung gegenüber Prostitution – auch wenn hier noch Überzeugungsarbeit zu leisten ist. Auch wenn fast alle Franzosen und Französinnen Zuhälterei und organisierte Kriminalität ablehnen, assoziieren doch „nur“ 76 Prozent der Befragten sie mit Gewalt. Besonders niedrig sind hier die Zustimmungswerte bei den jüngeren Männern (56%). Zwei Drittel sehen die Prostitution als Hindernis für die Gleichstellung von Frauen und Männern. Die große Mehrheit geht davon aus, dass Menschen in der Prostitution häufig Opfer von Ausbeutung sind und dass diese „Tätigkeit“ gravierende Folgen für die körperliche und psychische Gesundheit haben kann.

 

Mit Sorge blickt die französische Bevölkerung zudem auf aktuelle Entwicklungen. Besonders die zunehmende Betroffenheit Minderjähriger sowie die Verlagerung der Prostitution in soziale Netzwerke und auf digitale Plattformen werden als alarmierend wahrgenommen. Entsprechend halten 86 Prozent den Kampf gegen Prostitution für ein wichtiges gesellschaftliches Anliegen.

 

Auffällig sind auch die Ergebnisse bei den 18- bis 30-Jährigen. Fast alle jungen Frauen (97 Prozent) bewerten das Gesetz positiv, davon bezeichnen 71 Prozent es sogar als „sehr gute Sache“. Auch unter jungen Männern findet das Gesetz mit 89 Prozent insgesamt eine breite Zustimmung. Allerdings halten lediglich 41 Prozent der jungen Männer das Gesetz für „sehr gut“. Die Studie macht damit deutlich, dass sich Frauen und Männer dieser Altersgruppe vor allem in der Intensität ihrer Zustimmung unterscheiden – nicht jedoch in der grundsätzlichen Bewertung des Gesetzes. 

Anders als in Schweden, wo Sexkauf gesellschaftlich wie auch im persönlichen Umfeld klar abgelehnt wird, zeigt sich in Frankreich ein differenzierteres Bild. Prostitution wird zwar insgesamt sehr kritisch bewertet. Im persönlichen Umfeld fällt die Haltung gegenüber dem Sexkauf jedoch deutlich weniger ablehnend aus. Auf die Frage, wie sie reagieren würden, wenn jemand aus ihrem Umfeld sexuelle Dienstleistungen in Anspruch genommen hätte, gaben nur 41 Prozent der Frauen an, dies klar zu verurteilen. Bei Männern liegt dieser Anteil sogar bei niedrigen 22 Prozent. Gleichzeitig würden 47 Prozent der Männer und 42 Prozent der Frauen ein solches Verhalten „verstehen“ können. Die Ergebnisse zeigen: Frauen bewerten die Verantwortung von Freiern im Durchschnitt kritischer als Männer, auch wenn insgesamt noch eine große Lücke von gesamtgesellschaftlichen Einstellungen zu dem konkreten Verhalten von Familie, Freunden und Bekannten zu überwinden ist.

 

Die IPSOS-Studie untersucht allerdings ausschließlich die Einstellung der französischen Bevölkerung und trifft keine Aussagen darüber, welche konkreten Auswirkungen das Gesetz auf das Ausmaß der Prostitution oder des Menschenhandels hatte. Sie zeigt jedoch eindrucksvoll, dass ein Gesetz, das den Schutz der Betroffenen in den Mittelpunkt stellt, auf breite gesellschaftliche Zustimmung stößt. 

 

Auch in Deutschland wird derzeit über die Zukunft der Prostitutionsgesetzgebung beraten. Die Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes und die Arbeit der eingesetzten Expertenkommission bieten die Chance, den bisherigen gesetzlichen Rahmen kritisch zu überprüfen und neue Wege für einen wirksameren Schutz von Menschen in der Prostitution zu diskutieren. Aus Sicht von SOLWODI ist dabei entscheidend, dass die Erfahrungen der Fachberatungsstellen und die Lebensrealität, der von Gewalt und Ausbeutung betroffenen Frauen, konsequent in den Mittelpunkt gestellt werden. Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern – wie Frankreich – können hierfür wichtige Impulse liefern.

 

SOLWODI setzt sich deshalb weiterhin für die Einführung des Nordischen Modells in Deutschland ein. Ziel ist ein Paradigmenwechsel: Menschen in der Prostitution sollen umfassend geschützt und beim Ausstieg unterstützt werden, während die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen und damit die Grundlage für Ausbeutung und Menschenhandel wirksam reduziert wird.


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Mit freundlichen Grüßen

 

Dr. Maria Decker, Barbara Wellner und Christina Krack

 

 

 

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