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SOLWODI +++ Aktuell

Newsletter Nr. 11 vom 31.07.2020

 

Internationaler Tag gegen Menschenhandel

 

Liebe Freund*innen und Unterstützer*innen,

fast unbemerkt von der Öffentlichkeit wurde er gestern, am 30. Juli, begangen: der Internationale Tag gegen Menschenhandel. Kaum ein Nachrichtensender, kaum eine Zeitung berichtete darüber. Findet Menschenhandel gar nicht statt?

Doch – Menschenhandel gibt es, auch in Europa, auch in Deutschland. 2019 wandten sich 339 Frauen an SOLWODI, die von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung betroffen waren. Dazu kommen 125 weitere Verdachtsfälle von Menschenhandel. Die meisten Frauen stammen aus Nigeria, teilweise auch aus Ghana, Gambia und anderen afrikanischen Staaten.

Den Frauen und oft jungen Mädchen werden Jobs als Kindermädchen, Haushaltshilfen oder Kellnerinnen im reichen Europa versprochen. Mittlerweile wissen aufgrund von Aufklärungskampagnen zwar viele Menschen, dass die meisten dieser Frauen in der Prostitution landen, aber sie wissen nicht, wie schlimm und menschenverachtend die Verhältnisse dort sind. Die Frauen stammen in der Regel aus extrem armen Familien und die Hoffnung, in Europa Geld zu verdienen, lässt sie nur allzu leicht den vollmundigen Versprechungen der Anwerber Glauben schenken. Das soziale Umfeld übt oft zusätzlichen Druck aus, doch zum Wohl der Familie beizutragen.

Die Frauen müssen sich bei den Menschenhändler*innen verschulden, um die Reise finanzieren zu können. Es werden ihnen völlig überhöhte Kosten in Höhe von 20-50,000 € aufgebürdet. Viele Frauen erfassen das Ausmaß der Verschuldung gar nicht, da sie gewohnt sind in der einheimischen Währung mit hohen Beträgen zu jonglieren (1 € entspricht ca. 450-460 nigerianischen Naira), d.h. der Euro-Betrag klingt niedrig für sie, und sie glauben, diesen schnell abgearbeitet zu haben. In Europa werden den Frauen überzogene Beträge für Unterkunft und Verpflegung in Rechnung gestellt, so dass sie aus der Schuldenfalle kaum noch herauskommen.

Häufig wird die Anwerbung durch einen Juju-Schwur bekräftigt, für den die Frauen Haare, Körperflüssigkeiten oder persönliche Gegenstände abgeben müssen, die sie erst zurückbekommen, wenn die Schulden beglichen sind. Die Frauen glauben, dass derjenige, der die Gefäße mit den Objekten besitzt, auch aus der Ferne Macht über sie ausüben kann. Zwar hob der Oba, das spirituelle Oberhaupt des Königreichs Benin, 2018 alle Juju-Schwüre auf und verbot den Juju-Priestern jegliche Beteiligung an Ritualen im Zusammenhang mit der Auswanderung ins Ausland, aber die Menschen-händler*innen weichen für die Ablegung des Schwurs zunehmend in benachbarte Bundesstaaten aus.

Erstes Ziel in Europa ist meistens Italien. Oft führt der Weg über die gefährliche Mittelmeerroute. Kriminelle Banden versuchen, die Frauen in Libyen abzufangen. Können Frauen oder die nigerianischen Menschenhändler kein Lösegeld bezahlen, werden sie bereits in Libyen in sogenannten Connection Houses zur Prostitution gezwungen. Dort sind die Frauen starker Gewalt ausgesetzt und gelangen oft erst nach Monaten oder Jahren und mit Stichwunden und Zigarettenverbrennungen nach Europa.

In Europa angekommen, wird die Zwangslage und Hilflosigkeit der Frauen ausgenutzt, indem ihnen Ausweise, Einreisedokumente, Bargeld und Mobiltelefone abgenommen werden. Sie werden in Rotationsverfahren quer durch Europa von einem Bordell ins nächste geschleust. Oft wissen die Frauen nicht einmal, in welcher Stadt sie sich gerade aufhalten. Sie werden engmaschig kontrolliert und es wird ihnen mit Polizei und schlimmen Konsequenzen gedroht, falls sie das Bordell verließen, weil sie sich ja illegal in Europa aufhielten. Die Frauen werden eingesperrt, geschlagen und vergewaltigt, um sie abhängig und gefügig zu machen. Außerdem wird gedroht, ihren Familien Leid zuzufügen.

Insbesondere die nigerianischen Menschenhändler*innen verfügen über gut ausgebaute Netzwerke, um die Frauen über Grenzen hinweg zu schmuggeln. Oft steht eine sogenannte Madam im Zentrum, Frauen, die nicht selten selbst einst Opfer von Menschenhandel waren und den Absprung aus dem Milieu nicht mehr geschafft haben. Mittlerweile dringen jedoch mehr und mehr nigerianische Geheimbünde, die sich als Studentenverbindungen geben, ins Geschäft. Diese Vereinigungen, z.B. Black Axe und Eiye, zeichnen sich durch eine besonders hohe Gewaltbereitschaft aus, neben dem Menschen- und Drogenhandel gehen auch Tötungen, Erpressungen und Entführungen auf ihr Konto. Mitglieder, die einen solchen Geheimbund wieder verlassen wollen oder das Stillschweigen brechen, laufen selbst Gefahr, umgebracht zu werden. Auch in Deutschland beobachten die Geheimdienste eine zunehmende Ausbreitung dieser kriminellen Vereinigungen.
Vor diesem Hintergrund ist es umso unverständlicher und beschämender, dass Frauen, denen es gelingt zu fliehen, von dem deutschen Rechtssystem im Stich gelassen werden. Die oft hochtraumatisierten und verängstigten Frauen benötigen einen gesicherten Aufenthaltsstatus, um sich stabilisieren und Perspektiven entwickeln zu können. Die Sozialarbeiterinnen von SOLWODI beobachten jedoch, dass kaum noch eine nigerianische Frau ein Abschiebeverbot geschweige denn einen Flüchtlingsstatus erhält. Zudem werden die Verfahren immer schneller abgewickelt, so dass wenig Zeit bleibt, die Geschichte der Frauen aufzuarbeiten und darzustellen. Im Januar-Juni 2020 wurde bei 2104 Asylanträgen von Nigerianer*innen nur in 7,7% der Fälle Schutz zugesprochen (zum Vergleich: Syrien – 87,2%, Afghanistan – 40,6%, Türkei – 46,0%).1 Auch bei aktuellen Bedrohungssituationen wird argumentiert, dass die Frauen in Nigeria innerstaatliche Fluchtmöglichkeiten hätten,
oder man versucht, sie gleich nach Italien als dem EU-Eintrittsland abzuschieben. Weder in Italien noch in Nigeria können die Frauen wirksam vor den nigerianischen Menschenhändlern geschützt werden. Die Gefahr, aufgespürt und für die Flucht grausam bestraft zu werden, ist sehr hoch.
SOLWODI fordert daher eine Sensibilisierung der deutschen Behörden für die Problematik des Menschenhandels. Insbesondere muss bei Verdacht auf Menschenhandel diesem sorgfältig nachgegangen werden. Die betroffenen Frauen brauchen einen gesicherten Aufenthaltsstatus,
psychosoziale Betreuung und Begleitung. Dublin-Abschiebungen müssen für Opfer von Menschenhandel ausgesetzt werden, um sie vor Gefahren und erneuten Traumata zu schützen.

 

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Mit freundlichen Grüßen

 

Dr. Maria Decker, Gudrun Angelis und Barbara Wellner

 

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3. WELTKONGRESS gegen sexuelle Ausbeutung von Frauen und Mädchen

Veranstalter: · SOLWODI Deutschland e.V. · CAP INTL · Armut und Gesundheit in Deutschland e.V.

Dienstag, 2. April – Freitag, 5. April 2019,

Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Philosophicum, Jakob-Welder-Weg 18

 

Hier finden Sie einen Überblick zum Weltkongress

 

35.220 Unterschriften für ein Sexkaufverbot an Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel übergeben

 

 
 
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