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Und die Männer?

Anders Kristensen

Wenn über Prostitution gesprochen wird, stehen oft die Menschen in der Prostitution im Fokus. Die Freier, meist Männer, bleiben unsichtbar. Freierzitate in einschlägigen Foren belegen, dass es in der Prostitution nicht um Liebe oder Zärtlichkeit geht, sondern um Dominanz und Machtausübung. Eine 2022 veröffentlichte Studie von Melissa Farley zeigt, dass Männer Frauen in der Prostitution objektifizieren. Durch den Kauf wird die Frau zu einem Gegenstand. Diese Haltung ist gefährlich, denn von Objekten wird nicht erwartet, dass sie Gefühle haben. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit sexueller Gewalt. 39% der deutschen Männer glauben, dass die Bezahlung ihnen erlaubt, alles mit den Frauen zu machen, was sie wollen. Insbesondere wenn eine Frau in der Prostitution die Erwartungen des Freiers nicht erfüllt, gilt eine Vergewaltigung als unvermeidlich und legitim. Mehr als ein Drittel sieht eine Vergewaltigung in der Prostitution nicht als solche an und glaubt, dass Prostituierte grundsätzlich „unvergewaltigbar“ seien.

Mit der Objektifizierung und Konsummentalität geht einher, dass die Frauen entmenschlicht und auf bestimmte Körperteile, die vom Mann benutzt werden, reduziert werden. Die Frauen werden so ihrer Persönlichkeit und Würde beraubt. Die Sexkäufer empfinden die Frauen als „minderwertig“, da sie häufig arm sind und ethnisch marginalisierten Gruppen angehören. Rassistische und ethische Stereotypen spielen eine wichtige Rolle bei der Auswahl der Frauen. So nehmen deutsche Freier eine rassistische Hierarchisierung nach Hautfarbe vor, der durch entsprechende Filtermöglichkeiten in Onlineportalen unterstützt wird. Insgesamt ist die Vorliebe für unpersönlichen Sex, wie er in der Prostitution stattfindet, mit einer höheren Wahrscheinlichkeit sexueller Übergriffe bis hin zu Vergewaltigungen – nicht nur von Prostituierten – korreliert.

 

Viele Freier bemerken durchaus, dass die Frauen in der Prostitution körperlich und psychisch leiden, dass sie keine Gefühle mehr zeigen können. Auch das Phänomen der Dissoziation wird von ihnen beobachtet. Aber die Sexkäufer interessieren sich nicht für das Wohlbefinden der prostituierten Frau und offenbaren einen Mangel an Empathie. Vielfach werden die Gewalt und das Leid in der Prostitution heruntergespielt und die Männer glauben, mit ihrem Geld die „Zerstörungen“, die sie anrichten, kompensieren zu können. Einige denken sogar, den Frauen etwas Gutes zu tun, indem sie ihnen Verdienstmöglichkeiten eröffnen.

 

Den Freiern ist mehrheitlich bewusst, dass Menschenhandel und Zuhälterei in der Prostitution allgegenwärtig sind, und viele haben bereits Gewalt an Frauen beobachtet. 55% geben an, gesehen zu haben, wie eine Frau gehandelt oder von einem Zuhälter vermittelt wurde. Die Freier erleben die Frauen als von Einschüchterung, Gewalt, Missbrauch und Abhängigkeit geprägt. Teilweise geben sie an, selbst Angst vor Zuhältern und deren Gewalttätigkeit zu haben. Letzteres erklärt jedoch nicht, warum deutsche Männer kaum bereit sind, bei Verdacht auf Menschenhandel die Behörden zu informieren. Lediglich 1% der Sexkäufer hat schon einmal eine Anzeige erstattet, obwohl wegen der Legalität der Prostitution eine solche Meldung kein rechtliches Risiko für die Männer darstellt – im Gegenteil, die Männer machen sich strafbar, wenn sie trotz besseren Wissens sexuelle Dienstleistungen von Betroffenen von Menschenhandel kaufen.

 

Männer, die häufig Sex kaufen, weisen auch eine höhere Bejahung von Vergewaltigungsmythen auf (z.B., dass Frauen insgeheim vergewaltigt werden wollen, oder dass wenn eine Frau vergewaltigt wird, ihr „Nein“ uneindeutig war). Ebenso glauben 76% der deutschen Sexkäufer, dass die Prostitution Vergewaltigungen verringere. Wie bereits angeführt, zeigen die Ergebnisse der Studie jedoch, dass gerade durch den Sexkauf die Wahrscheinlichkeit von Vergewaltigungen steigt.

 

Farley stellt in ihrer Studie auch einen Zusammenhang zwischen der Nutzung von Pornografie und häufigem Sexkauf sowie sexueller Gewalt fest. Dabei konsumieren nach eigenen Angaben 55% der deutschen Männer mindestens wöchentlich Pornografie.

 

Auch wenn Prostitution in Deutschland legal ist, so möchten die meisten Männer doch nicht als Sexkäufer identifiziert werden. Über 80% gaben an, dass der Eintrag in einem Verzeichnis oder eine öffentliche Bekanntmachung ein wirksames Mittel sei, um sie vom Sexkauf abzuhalten. Dies macht noch einmal die ambivalente und doppeldeutige Einstellung der Freier deutlich.

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