Bericht von SOLWODI-Mitarbeiterin Oanh Tran über eine motivierte Rückkehrerin
"Ich war Bauhelferin" sagte sie. Ich sagte: "Dann musst du sicher viele Muskeln haben!" Sie lachte. Als ich schließlich nach Berlin fuhr und sie in der Abschiebehaft besuchte, wirkte sie zwar relativ kräftig, aber alles andere als stark. Ich sah ihr an, dass sie viel mitgemacht hatte.
Sie begann zu erzählen. Als Bauhelferin verdiente sie in Vietnam nicht viel. Ihr Mann kämpfte jahrelang gegen eine schwere Nierenkrankheit an. Als er starb, blieben sie und die vier Kinder allein zurück. In ihrer Heimat im Norden Vietnams herrschten noch die alten Strukturen. Jede Familie bekam nur ein kleines Stück Land zugeteilt, auf dem sie Reis anbauen und sich selbst versorgen konnte. Neues Land dazu zu kaufen oder das eigene Land zu verkaufen war nicht möglich. Wenn die Ernten gut ausfielen, reichte es, um nicht zu verhungern. Doch etwas leisten konnte die Familie sich damit nicht und eine gute Schulbildung für die Kinder schien unmöglich. Deshalb brachte sie ihre jüngste Tochter zu ihrer Schwester, übergab dem ältesten Sohn die Verantwortung für die anderen beiden kleineren Geschwister und verließ Vietnam 2008 in Richtung Deutschland.
Wer das liest, wird sich fragen, warum sie das Geld für die Reise nach Deutschland nicht lieber in eine Existenzgründung in der Heimat investierte. Den Grund dafür erfuhr ich bei meinem letzten Besuch in Vietnam im Juni 2011, als ich dort mit einigen Rückkehrerinnen und meinen Bekannten sprach. Es ist sehr schwer, in Vietnam einen Kredit für ein Geschäft im eigenen Land zu bekommen. Einen Kredit für die Reise ins westliche Ausland jedoch vergeben die Kreditgeber umso einfacher. Denn die Aussichten auf eine profitable Arbeit im Ausland werden höher eingeschätzt als in Vietnam.
Wie fast alle, die von Schleusern nach Deutschland gebracht wurden, ging auch sie ins Asylheim. Ihr Antrag auf Asyl wurde jedoch abgelehnt und so tauchte sie unter. Um die hohen Schulden für ihre Reise nach Deutschland abzubezahlen, arbeitete sie schwarz. Eine Weile funktionierte dies ganz gut, doch dann gab es plötzlich keine Arbeit mehr und sie musste sich etwas Neues einfallen lassen. Für 4.000 Euro ließ sie sich nach England einschleusen und arbeitete auch dort illegal. Als sie gerade die 4.000 Euro für die Reise abbezahlt hatte, wurde sie jedoch von der Polizei erwischt und nach Deutschland abgeschoben.
Dort lernte ich Ngoc* im April 2011, kurz vor ihrer Ausreise nach Vietnam, in der Abschiebehaft in Berlin kennen. Eine Mitarbeiterin von SOLWODI besucht dort einmal in der Woche die Frauen, spricht ihnen Mut zu und klärt sie über ihre Möglichkeiten auf. Wenn es Schwierigkeiten bei der Verständigung mit Vietnamesinnen gibt, werde ich häufig als Übersetzerin hinzugezogen. Ngoc hatte nun zwar keine Schulden mehr, aber auch kein Geld für einen Neustart in Vietnam. Mit Hilfe unseres Rückkehrprojektes kann sie auf ihrem Grundstück einen kleinen Kiosk eröffnen, um sich und ihre Familie zu ernähren. Im Juni 2011 besuchte ich sie in ihrem Heimatdorf im Vietnam und sprach mit ihr über ihre Zukunftspläne. Kurz nach ihrer Rückkehr hatte sie ihre jüngste Tochter bei ihrer Schwester besucht. Ihr größter Wunsch ist es, das Kind wieder zu sich zu holen, sobald sich ihre Situation stabilisiert hat. Auf meine Frage, ob sie noch einmal nach Deutschland reisen wird, antwortete Ngoc: "Nein! Wenn SOLWODI mich unterstützt, gehe ich nicht mehr weg. Von dem Darlehen kann ich mir eine Existenz aufbauen. Dann kann ich sicher sein, dass meine Kinder die Chance haben, etwas zu lernen. Ich würde alles tun, damit meine Kinder zur Schule gehen können!"
*Name geändert
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