SOLWODI e.V.


Pressemeldung zum Prozess in Stuttgart

Boppard, den 01.04.2011

Zum aktuellen Prozess in Stuttgart gegen die Betreiber der Flatratebordelle Pussy-Club erklärt die Vorsitzende von SOLWODI – Solidarität mit Frauen in Not –Schwester Dr. Lea Ackermann:

Die Empörung war groß, als im Sommer 2009 das Thema Flatratebordelle durch die Presse ging. Zu einem Spottpreis zwischen 70 und 100 Euro für einen ganzen Tag oder eine ganze Nacht können Freier ihren perversen Wünschen Befriedigung verschaffen. Im Preis inbegriffen: der beliebige Konsum von Alkohol bis hin zum Fall der letzten Hemmschwelle und außerdem Essen so viel wie reingeht. Nach diversen Razzien seitens der Polizei wurden die damals bekannten Flatratebordelle in Fellbach und Heidelberg Ende Juli 2009 vorerst geschlossen - allerdings nur aufgrund von Hygienemängeln.

Auch die Berichterstattung zum derzeitigen Prozess gegen die Pussy-Club-Betreiber geht nicht darauf ein, wie menschenverachtend hier die Frau zur Ware degradiert wird. Wir sind froh, dass es heute zumindest einen Prozess gibt, in dem eine betroffene Frau zu Wort kommt. Allerdings zeigt sich, wie schwer es eine Zeugin mit dieser Hintergrunderfahrung von Misshandlung und Armut in unserem täterorientierten Rechtsstaat hat: Ihre Glaubwürdigkeit wird in Frage gestellt, obwohl wir wissen, dass traumatisierte Opfer von Gewalt oftmals stark beeinträchtigt sind. Um nicht erneut der Erfahrung von Ohnmacht und Schutzlosigkeit ausgeliefert zu sein, vermeiden die Betroffenen eine erneute Konfrontation damit und können deshalb auch Gedächtnislücken aufweisen.

Diese Fakten werden in der Regel bei einer Befragung vor Gericht nicht berücksichtigt. Statt dessen wird der Zeugin unterstellt, sie profitiere von einem lukrativen Geschäft und verdiene mehr als in ihrem Heimatland. Das ist zynisch und häufig unrealistisch. Aus den Zeitungsberichten erfahren wir auch nicht, ob diese Zeugin von einer qualifizierten Fachberatungsstelle betreut wird, ob sie in einer Schutzwohnung untergebracht ist, ob sie sich in einer Wohl wollenden Atmosphäre von der erlittenen Gewalt regenerieren und auf den Prozess vorbereiten kann und ob ihr eine Rechtsanwältin als Nebenklagevertreterin zur Seite gestellt wird. Dies aber sind die Voraussetzungen für ein faires Gerichtsverfahren, die in einer zivilisierten und humanen Gesellschaft zuvorderst zählen müssen.

 

 


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