Kenia Reisebericht
Im Juli 2010 war Sr. Lea Ackermann in Begleitung der SOLWODI-Mitarbeiterinnen Oanh Tran und Jacqueline Kotte bei SOLWODI in Kenia. Der ausführliche Reisebericht kann unter www.solwodi.de/Materialien eingesehen oder in ausgedruckter und gebundener Form bei SOLWODI Deutschland e.V. zum Preis von 3,50 Euro inkl. Versandkosten bestellt werden.
Die Begegnung mit Violet
Von Jacqueline Kotte
Mit Grace, einer kenianischen Frau, die früher in der Prostitution ihren Lebensunterhalt und den ihrer Kinder verdient hat, treffe ich mich zum Streetwork. Heute ist Grace Sozialarbeiterin bei SOLWODI Kenia. Gemeinsam besuchen wir Nachtclubs in Mombasa und versuchen mit den Frauen und Mädchen, die sich dort prostituieren, ins Gespräch zu kommen. Grace bezeichnet die Frauen, um die sie sich kümmert als "ihre Girls". Als wir ins "Saba Saba", einen Club an der Fernstraße nach Nairobi gehen, sehe ich sofort, was sie damit meint. Alle Mädchen kennen Grace und freuen sich über ihren Besuch. Ich finde es schön zu sehen, wie sie sich liebevoll um die Frauen kümmert, ihnen - wenn auch nur für kurze Zeit - einen Familienersatz bietet und sich für ihre Rechte und alternative Verdienstmöglichkeiten stark macht.
Als Nächstes gehen wir in den Nachtclub "Casablanca". Es gibt so viele Prostituierte in Mombasa, dass man fast den Eindruck bekommen könnte, als gäbe es keine andere Arbeit für kenianische Frauen. Wir bemerken Violet. Sie sitzt lange in einer Ecke, ohne zu tanzen oder mit jemandem zu reden. Grace spricht sie an, lädt sie auf ein Getränk an unseren Tisch ein und bittet Violet mir zu erzählen, warum sie hier ist. Die Begegnung mit ihr werde ich nie vergessen.
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Grace, Jacqueline Kotte und Violet |
Violet war zweimal verheiratet. Beide Ehen scheiterten jedoch und so kümmert sie sich heute allein um ihre drei Töchter. Die Älteste ist 15, die Jüngste gerade einmal 1 Jahr und 3 Monate alt. Violet hasst die Prostitution, doch um ihre Familie zu ernähren und das Schulgeld für ihre Töchter zu verdienen, bleibt ihr nichts anderes übrig. Sie hat zwar eine Ausbildung zur Sekretärin absolviert und auch schon einmal in dem Beruf gearbeitet. Jedoch hat sie ihre Stelle verloren. Nach langer vergeblicher Suche habe sie die Hoffnung auf eine Stelle irgendwann aufgegeben und sich einem Schicksal als Prostituierte ergeben. Für ihre Töchter möchte sie ein solches Leben aber auf keinen Fall. Um die Kosten für den Schulbesuch, Lernmaterialien und Schulessen bezahlen und den Mädchen somit durch Bildung eine bessere Zukunft ermöglichen zu können, nimmt sie die Sexarbeit in Kauf.
Violet sagt mir, wie schrecklich es für sie ist, mit so vielen Männern verkehren zu müssen. Besonders belastend ist es für sie, wenn die Freier ihre Brüste berühren, denn Violet stillt ihre jüngste Tochter noch. Violets Stimme zittert vor Verzweiflung und Tränen schießen ihr in die Augen, als sie mir davon erzählt.
Während meiner Arbeit bei SOLWODI habe ich schon unzählige solcher Geschichten gehört. Sie von einer Betroffenen zu hören, die mir direkt gegen übersitzt, ist jedoch etwas ganz anderes. Violet ist 30 – genauso alt wie ich. Ihre Lebenssituation hingegen ist für mich unvorstellbar. Und das nur, weil ich das Glück hatte, in Deutschland geboren zu werden und nicht in Kenia. Wie verzweifelt Violets Situation ist, merke ich, als sie mich fragt, ob ich ihr in Deutschland einen Mann suchen könnte. Sie ist überzeugt davon, dass das die Lösung für alle ihre Probleme wäre. Ich erfahre, dass viele Frauen in Kenia darauf hoffen, eines Tages einen reichen Ausländer kennenzulernen, der ihnen ein besseres Leben ermöglicht. Viele landen jedoch in der Prostitution oder werden schlecht behandelt. Ich sage ihr, dass es wichtig sei, Selbstverantwortung für sich und ihre Kinder zu übernehmen
Violet möchte, dass ich ihre Töchter kennenlerne und sehe, wie sie lebt. Deshalb lädt sie mich für den nächsten Tag zu sich nach Hause ein.
Gemeinsam mit Violets 4-köpfiger Familie lebt auch ihre Schwester mit deren Tochter in dem kleinen Zimmer, das ich am nächsten Tag betrete. Es gibt eine Matratze auf der nicht alle Platz finden. Deshalb schlafen einige von ihnen auf dem Boden.
Ein kleiner Gaskocher in der Ecke des Zimmers bildet die Kochstelle, auf der Violet gerade Ugali (Brei aus gekochtem Maismehl) zubereitet. Dazu gibt es Gemüse und Fleisch. Violet lädt mich zum Essen ein und wir nehmen alle auf dem Boden Platz. Jede von uns bekommt eine kleine Schüssel mit Gemüse und Fleisch. Das Ugali wird auf zwei Teller in der Mitte verteilt, jede nimmt sich mit den Händen etwas davon und tunkt es in das Gemüse. Das Essen schmeckt fantastisch und ist um Längen besser als jedes Hotelessen!
Als Violet und ich uns später bei einem Spaziergang ungestört unterhalten können, sprechen wir über ihre Möglichkeiten. Gerne hätte sie einen eigenen Stand an dem sie Chapati (Fladenbrot) und Tee verkaufen kann. Für die Eröffnung eines solchen Geschäftes benötigt sie etwa 150 Euro. Das Geld bringe ich ihr einige Tage später vorbei.
Grace, mit der ich mich später noch einmal treffe, freut sich sehr darüber, dass Violet die Chance auf eine Veränderung bekommen hat. Die Gewissheit, wenigstens einer Frau die Möglichkeit auf ein besseres Leben gegeben zu haben, beruhigt mich. Ich weiß, dass Violet es schaffen kann. Es ist ein kleiner erster wichtiger hoffnungsvoller Schritt für sie.
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