Title: Bericht über den Besuch bei der Rückkehrerin Lien in Vietnam
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Bericht über den Besuch bei der Rückkehrerin Lien in Vietnam

von Oanh Tran

Während meines letzten Aufenthaltes in Vietnam im Juni 2009 besuchte ich eine junge Frau aus dem Rückkehr-Projekt von SOLWODI.

Die junge Vietnamesin Lien (Name geändert) lebt gemeinsam mit ihren Eltern, Geschwistern und zwei Töchtern in einem kleinen Fischerdorf in der Nähe von Dong Hoi. Als der Vater ihrer ältesten Tochter bei einem Unfall ums Leben kam, sah sich die Familie, die ohnehin in sehr ärmlichen Verhältnissen lebt, großen finanziellen Problemen gegenüber. Da Lien’s Vater arbeitslos ist und ein Alkoholproblem hat, waren die einzigen Einnahmequellen bisher der von der Familie angebotene Frühstücksverkauf an Einheimische, sowie Lien’s Einnahmen als Hafenhelferin und das Geld, das ihr Bruder als Fischer verdiente.



Fischverkauf im Hafen

Da der Fischfang in dieser Region Vietnams jedoch vom Mondzyklus abhängig ist, war weder Lien’s Arbeit noch die ihres Bruders regelmäßig und so beschloss die Familie ein Stück Land zu verkaufen um Lien die Reise nach Deutschland zu ermöglichen. Dort angekommen, verkaufte sie gemeinsam mit anderen Vietnamesen Zigaretten auf den Straßen Berlins. Ihr war zwar bewusst, dass diese Arbeit illegal war, doch die große Not ihrer Familie und die Versprechungen guter Verdienstmöglichkeiten ließen sie dies beiseiteschieben. Lien fühlte sich in dem neuen Land, dessen Sprache sie nicht verstand, sehr einsam. Ihre einzigen Kontakte waren die zu anderen Vietnamesen, mit denen sie sich aus Kostengründen ein kleines Zimmer teilte. Ohnehin stellte sich heraus, dass der Verdienst von 500 Euro, der ihr versprochen worden war, in Deutschland nicht den gleichen Wert hatte wie in der Region Vietnams in der sie lebte. Während in ihrem Heimatdorf eine Großfamilie von umgerechnet 2 Euro am Tag leben konnte, war dies in Deutschland gerade einmal der Preis für zwei Tassen Kaffee. So lebte Lien sehr sparsam, denn sie hatte Angst, dass am Ende nichts von ihrem Verdienst für ihre Familie zu Hause übrig bleiben würde. Fernab der Heimat verliebte Lien sich in einen der Männer, mit denen sie das Zimmer teilte. Sie wurde schwanger, musste aber weiterhin Tag für Tag stundenlang auf die Straße gehen, um Zigaretten zu verkaufen. Eines Tages wurde sie von der Polizei aufgegriffen und in die Abschiebehaft gebracht. Dort entstand erstmals der Kontakt zu SOLWODI, und Lien erinnert sich heute noch mit Dankbarkeit an den Halt, den die SOLWODI-Mitarbeiterin ihr in der schweren Zeit während ihrer Haft gegeben hat. Noch während ihrer Schwangerschaft wurde Lien nach Vietnam ausgewiesen und brachte dort ihr zweites Kind zur Welt. Aufgrund der Strapazen während der Abschiebehaft war ihre Tochter eine Frühgeburt und musste zum Zeitpunkt meines Besuches noch stationär behandelt werden. Der Vater von Lien’s zweiter Tochter war während seiner Beziehung zu Lien verheiratet. Nachdem auch er nach Vietnam ausgewiesen wurde, ging er zurück zu seiner Familie und brach den Kontakt zu Lien ab. Nach seiner Tochter hat er nie gefragt. Die Behandlungskosten für das kleine Mädchen betrugen umgerechnet 3 Euro am Tag. Da die Einnahmen aus dem Frühstücksverkauf und den Hilfsarbeiten am Hafen kaum ausreichten, um die Familie zu ernähren und die Behandlungskosten für das kleine Mädchen zu tragen, war Lien’s Vater nicht gut auf seine kleine Enkelin zu sprechen. Die Enttäuschung darüber, dass seine Tochter statt des erhofften Geldes noch ein weiteres Kind mitgebracht hatte, das es zu ernähren galt, war ihm anzusehen. Lien litt sehr unter der Ablehnung ihres Vaters und sie überlegte das Mädchen zur Adoption freizugeben, falls sich die finanzielle Situation ihrer Familie nicht bald verbessern würde.



Fischerboot im Hafen

Lien hatte sich für die Rückkehr-Hilfe bei SOLWODI angemeldet, um einen Kleinkredit zur Eröffnung eines eigenen Geschäftes zu erhalten. Sie plante, sich an zwei Fischerbooten zu beteiligen, wodurch sie hoffte, den Fischern ihren Fang mit Rabatt abkaufen zu können. Anschließend wollte sie zusammen mit zwei Mitarbeitern die Fische sortieren und je nach Sorte zu verschiedenen Kilopreisen mit Gewinn an die fischverarbeitenden Firmen vor Ort weiterverkaufen. Nach meiner Rückkehr aus Vietnam wurde das Projekt mit 5.000 Euro bewilligt. Lien erhielt den Existenzgründungszuschuss inklusive einem kleinen Beitrag, von dem sie die Milch zur Ernährung ihrer neugeborenen Tochter bezahlen konnte. Sie ist sehr motiviert und hat inzwischen mit ihrem Projekt begonnen. Auch ihre kleine Tochter konnte sie zwischenzeitlich nach Hause holen. Ihre Familie kann nun mit Zuversicht in die Zukunft blicken.

Artikel Nr. 5 von 7 in: Rundbrief Nr. 82 - Dezember 2009
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