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Die Odyssee der Rumänin Marya

Von Soni Unterreithmeier

Ende Juli bekam ich einen Anruf von Sr. K, einer Ordensfrau aus Baden-Württemberg: Die Polizei habe sie gebeten, die junge Bulgarin Marya zu beherbergen. Diese sei nachts weinend in einer Kleinstadt der Polizei in die Arme gelaufen. Sie spreche kein Deutsch. Über einen telefonisch eingeschalteten Dolmetscher habe die Polizei in Erfahrung gebracht, dass die Frau in einem Bistro gearbeitet hatte, dort aber nicht bezahlt worden war. Man habe sie sexuell belästigt und sie wolle sofort wieder nach Hause zu Mann und zwei kleinen Töchtern. Eine sei schwer krank. Die Polizei habe sich (so die Ordensfrau Sr. K.) intensiv um eine Rückreisemöglichkeit mit dem Bus bemüht. Doch der Ausweis der Bulgarin erlaube keine Fahrt durch Serbien. Nun bittet Sr. K. um eine Rückkehrhilfe mit dem Flugzeug.

Ich telefoniere mit der Polizeidienststelle. Der Beamte teilt mir mit, dass der Fall als abgeschlossen gelte. Auf meine Nachfragen über die dubiose Einreise, die unklare Arbeitsvermittlung, die Verweigerung einer Entlohnung, meinte er, es wäre kein Verdacht auf „gewerbsmäßige Schleusung" vorhanden und keine weiteren Befragungen geplant.

Ich jedoch habe viele Fragen. Zur Antragstellung auf Rückkehrhilfe durch die IOM (International Organization for Migration) fahre ich zum Unterbringungsort. Sr. K. hat eine bulgariendeutsche Bekannte gebeten, das Gespräch zu übersetzen. Marya ist zierlich, sehr blass, sie esse kaum, schlafe schlecht – so die Betreuerin – und wolle nur so schnell wie möglich nach Hause.

Marya ist nervös. Aufgelöst berichtet sie: Eine Kusine, die in Deutschland arbeite, habe ihr von den guten Verdienstmöglichkeiten erzählt. Im Servicebereich, 800 Euro im Monat. Marya glaube jedoch nicht, dass die Kusine in diesem Bereich arbeite. In einem privaten Kleinbus sei sie über Rumänien und Ungarn mit einigen anderen ihr nicht bekannten Frauen und Männern nach Deutschland gefahren worden.

Hier habe man sie in das türkische Bistro gebracht (Arbeitszeit von 10 Uhr vormittags bis 4 Uhr morgens!). Sie habe sich gewundert, wie man in so einem kleinen Bistro so viel Geld machen könne. Abends wurden die Türen nach vorne verschlossen, doch die Männer kamen durch die Hintertüre.

Ihr Ehemann habe vor 2 Tagen aufgeregt angerufen. Eine ihrer beiden kleinen Töchter sei krank geworden, sie solle sofort nach Hause kommen. Sie habe um eine Entlohnung gebeten. Doch weder die Rückfahrkosten noch Name und Bankverbindung, (so dass der Ehemann das Geld hätte schicken können) wurden ihr gegeben. Man habe sie angeschrien. Dann sei ein weiterer Mann gekommen. Da Marya etwas türkisch spreche, habe sie verstanden, dass man in Bezug auf sie handelseinig geworden wäre. Da habe sie panische Angst ergriffen. Es sei ihr gelungen wegzurennen und ein Polizeiauto anzuhalten.

Marya war sehr erregt und weinte immer wieder. Wenn sie gewusst hätte, dass sie in der Prostitution arbeiten solle, wäre sie nie nach Deutschland gefahren! Sie war über den Betreiber des Bistros empört und wollte eine Anzeige machen.

Sr. K. telefonierte mit der Polizeidienststelle. Aufgrund der Hinweise wurde die zuständige Kripo eingeschaltet und ein Termin mit Beamtin und Dolmetscher für den folgenden Morgen vereinbart.

Am nächsten Morgen machte Marya eine umfassende Aussage. Die Polizei nahm sie im Wagen mit, um sich das Bistro zeigen zu lassen. Da entdeckte Marya ihre Kusine zusammen mit dem Mann, der sie aus Rumänien begleitet hatte. Beide gingen in einen Lebensmittelmarkt. Die Beamtin lief ihnen nach und forderte polizeiliche Verstärkung an. Man habe – so Sr. K. - die beiden zur Vernehmung aufs Präsidium gebracht.

Die IOM organisierte den Rückflug. Der Schreck saß Marya tief in den Gliedern. Nie wieder würde sie sich auf Angebote in den Westen einlassen.

Die bulgarische Polizeidolmetscherin war von SOLWODI angetan. Die Dolmetscherin meinte, erst vor kurzem habe sie für eine Minderjährige in Augsburg übersetzt. Da hätte sie SOLWODI dringend gebraucht. Das hat mich erschüttert. Arbeite ich doch intensiv mit der hiesigen Kripo zusammen.

Zwei Wochen später frage ich bei der Kripo in Baden-Württemberg nach: Es werde wegen illegaler Beschäftigung ermittelt. Doch der Wirt des Bistros habe gesagt, dass die Frau weder bei ihm gewohnt noch jemals bei ihm gearbeitet habe. Diese seine Aussage würde von einer anderen Bulgarin bestätigt werden….

Artikel Nr. 6 von 7 in: Rundbrief Nr. 82 - Dezember 2009
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