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SOLWODI-Erfolg: Protestwelle gegen Flatrate-Bordelle

Cornelia Filter

"Sex mit allen Frauen, so lange du willst, so oft du willst und wie du willst! Sex mit allen Extras! Analsex, Oralsex, Natur, 3-er, Gruppensex, Gangbang ... Alles ist möglich!" Für einen Einheitspreis von 70 Euro tagsüber und 100 Euro abends, Bier und Bratwurst inbegriffen. So verlockte ein Flatrate-Bordell in Fellbach bei Stuttgart Freier (s. Rundbrief Nr. 80). Dass diese Werbung nicht mehr auf der Homepage www.pussy-club.eu steht, ist einer SOLWODI-Pressemitteilung zu verdanken. Darin hatte Sr. Dr. Lea Ackermann die "entfesselte Frauenerniedrigung" angeprangert und zu "massiven Protesten" aufgefordert. Und wirklich: Eine Protestwelle rollte durchs Land und füllte das mediale Sommerloch.

Was wir mit unserer Kampagne für eine menschenwürdige Reform des Prostitutionsgesetzes (ProstG) vergeblich versucht hatten, bewirkte unsere breit zitierte Pressemitteilung vom 18. Juni 2009. Obwohl es zu diesem Zeitpunkt schätzungsweise 100 weitere Flatrate-Bordelle in Deutschland gab, brachte der am 5. Juni 2009 eröffnete Fellbacher Pussy-Club mit seiner aggressiven Werbung für Frauen-Konsum zum All-inclusive-Tarif das Fass zum Überlaufen. Fellbacher Bürgerinnen, Gleichstellungsbeauftragte und Frauenorganisationen schlossen sich zu einem Aktionsbündnis zusammen. Eine Frauen-Koalition aller Fraktionen im Landtag von Baden-Württemberg formierte sich, um das ProstG zu reformieren, und die Landesregierung will eine entsprechende Gesetzesinitiative in den Bundesrat einbringen. Den einhelligen Tenor der Protestbewegung brachten Fellbacher Bürgerinnen in einem offenen Brief an PolitikerInnen auf Landes- und Bundesebene so auf den Punkt: "Wir fordern, dass in das Prostitutionsgesetz der Schutz der Menschenwürde von Frauen, die als Prostituierte arbeiten, aufgenommen wird."

Wie dringend nötig das ist, zeigte eine Großrazzia am 26. Juli 2009 in den vier Pussy-Clubs in Berlin, Wuppertal, Heidelberg und Fellbach. Die Heidelberger Filiale wurde kurzfristig wegen bau- und gesundheitsrechtlicher Mängel geschlossen, bei der Fellbacher Filiale wurde eine langfristige Schließung verfügt. Nicht etwa, weil die Prostituierten in dem Flatrate-Bordell an der Schaflandstraße ihrer Menschenwürde beraubt wurden, sondern wegen "unhaltbarer hygienischer Missstände" und des Verdachts auf Sozialversicherungsbetrug. Andere rechtliche Handhaben hatte die Staatsanwaltschaft nicht. Das Prostitutionsgesetz bietet keine Rechtsgrundlage. Seit das ProstG am 1. Januar 2002 in Kraft trat, ist die freiwillig ausgeübte Prostitution in Deutschland legal. Und die Prostituierten in allen vier Pussy-Clubs hatten beteuert, sie würden zu nichts gezwungen.

Medien-Berichten zufolge stammen 80 der 100 Prostituierten in der geschlossenen Fellbacher Filiale aus Rumänien, 30 sollen Roma sein (s. S. 3). Der Grund, der diese jungen Frauen dazu bewog, sich im reichen Deutschland wie Bier und Bratwurst vermarkten zu lassen, war der Mangel an alternativen Einkommensmöglichkeiten in ihrem Heimatland. Auch Armut ist ein Zwang. Aber anscheinend litten die Rumäninnen noch mehr unter anderen Zwängen. "Es gab Anzeichen für schwerwiegende Straftaten", so der für Fellbach zuständige Polizeichef Ralf Michelfelder aus Waiblingen. In Internet-Foren für Freier sei beklagt worden, "dass die Frauen bereits am Mittag im Geschlechtsbereich wund und deshalb arbeitsunfähig waren". Außerdem hätten sie „ständig geweint".

Ziel des unter rot-grüner Ägide verabschiedeten Prostitutionsgesetzes war die rechtliche Besserstellung von freiwillig tätigen Prostituierten: u. a. durch die Möglichkeit, sich fest anstellen zu lassen. Wussten das die Rumäninnen in dem Fellbacher Pussy-Club? Wohl kaum. Laut Polizei-Recherchen sprechen die meisten kein Deutsch. Insofern waren sie nicht in der Lage, sich über das ProstG zu informieren. Oder die Verträge zu lesen, in denen sie sich für eine "Tagespauschale von 100 bis 200 Euro" (behauptet Patricia Floreiu, die 26-jährige Geschäftsführerin der vier Pussy-Clubs) als "selbständige Subunternehmerinnen" verpflichteten. Das ist schon allein darum absurd, weil die Frauen nicht nur in dem Flatrate-Bordell gearbeitet haben, sondern auch dort wohnten. Noch absurder wird es angesichts der Tatsache, dass bei der Razzia in der Fellbacher Filiale im Tresor 200.000 Euro in bar entdeckt wurden, während die Prostituierten keinen Cent im Portemonnaie hatten. Die Razzia wurde an einem Sonntag durchgeführt, am Montag wäre Zahltag gewesen. Wie viel Geld sich dann in den Portemonnaies der Frauen befunden hätte, ist ungewiss. Gewiss scheint zu sein, dass der Pussy-Club in Fellbach täglich rund 12.000 Euro Gewinn machte. Hätte die Geschäftsführung die Prostituierten fest angestellt und Sozialbeiträge abgeführt, wären es "bloß" 2.000 Euro pro Tag gewesen. Diese "grobe Rechnung" stellte der wegen Sozialversicherungsbetrug ermittelnde Oberstaatsanwalt Andreas Thul-Epperlein auf einer Pressekonferenz am Tag nach der Razzia auf.

Apropos "Geschäftsführung". Hinter Patricia Floreiu steht mutmaßlich ein Netzwerk organisierter Kriminalität. Das schließt die Polizei daraus, dass die 80 rumänischen Prostituierten aus der Fellbacher Filiale sofort nach der Schließung von zahlreichen Taxis abgeholt wurden: "Die muss jemand im Hintergrund geordert haben." Die offizielle Geschäftsführerin konnte dieses logistische Meisterwerk nicht vollbringen, weil sie festgenommen worden war.

Das Etablissement an der Schaflandstraße in Fellbach ist am 1. September 2009 wieder eröffnet worden: mit neuem Namen und neuer Geschäftsführung. Zwischenzeitlich hatte sich herausgestellt, dass Prinz Marcus von Anhalt Eigner des Gebäudes ist, in dem der geschlossene Pussy-Club residierte. Seine Hoheit, der Vermieter, nahm das Heft selbst in die Hand und beseitigte alle hygienischen und rechtlichen Missstände. Ergebnis: "FKK-Safari."

Welche Spielarten der Freikörperkultur vermeintlichen Großwildjägern neuerdings in Fellbach geboten werden, kann "mann" in Form von nacktem Frauenfleisch auf  www.fkk-safari.de besichtigen. Enthüllender jedoch ist ein Spiegel-Artikel vom 28. September 2008. Da war zu lesen, dass der so genannte Prinz mit bürgerlichem Namen Marcus Eberhardt heißt und seine Karriere als Zuhälter in Pforzheim begann. "Inzwischen ist er 41 Jahre alt, von denen er vier im Gefängnis verbrachte, und der wahrscheinlich größte Bordellbetreiber in Deutschland." Doch das befriedigte ihn "nicht mehr so richtig", höhnt der Spiegel. Marcus Eberhardt habe sich einen Adelstitel gekauft. Nun dürfe sich der Pforzheimer Zuhälter mit seiner Adoptivmutter, "der Zsa Zsa Gabor", und seinem Adoptivvater, "dem Frédéric von Anhalt", wie ein Filmstar in Hollywood fühlen.

So witzig das auch klingen mag, die bittere Wahrheit ist: "Mit dem Prostitutionsgesetz wurde die Rechtsposition der Bordellbetreiber und Zuhälter nachhaltig gestärkt und leider die der Prostituierten deutlich geschwächt." Das schrieb der Augsburger Kriminaldirektor Klaus Bayerl im SOLWODI-Rundbrief Nummer 77. Hoffentlich können wir demnächst in einem Rundbrief berichten, dass die neue Bundesregierung, die am 27. September 2009 gewählt wird, endlich eine Wende in der Prostitutionspolitik wagt: für Prostituierte – gegen die Profiteure.

Ausführlicher Bericht auf  www.solwodi.de

Artikel Nr. 3 von 5 in: Rundbrief Nr. 81 - September 2009
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