SOLWODI e.V.


Editorial


Liebe Freundinnen und Freunde von SOLWODI,

am Anfang eine gute Nachricht: Unsere Podiumsdiskussion über "Prostitution und Menschenrechte" am 6. Mai in Berlin fand großen Anklang (S. 4). Aber: Kein einziges der zahlreichen Berliner Medien schickte BerichterstatterInnen. Prostitution ist anscheinend so "in", dass Redaktionen kritische Stimmen geflissentlich überhören. Manchmal allerdings schreibt ein Journalist doch etwas Kritisches: dann, wenn ganz und gar nicht mehr zu übersehen ist, was das Prostitutionsgesetz (ProstG) bewirkt hat.

Am 30. Mai war in den Stuttgarter Nachrichten zu lesen, dass am 5. Juni in Fellbach der Pussy-Club eröffnet – ein so genanntes Flatrate-Bordell. Was darunter zu verstehen ist, wird auf der Homepage des Clubs so erklärt: "Sex mit allen Frauen so lange du willst, so oft du willst und wie du willst! Sex mit allen Extras! Analsex, Oralsex, Natur, 3-er, Gruppensex, Gangbang ... Alles ist möglich!" Für einen Einheitspreis von 70 Euro tagsüber und 100 Euro abends.

Michael Isenberg beklagt in den Stuttgarter Nachrichten, Polizei und Behörden seien machtlos. Das sind sie, weil die "100 Pussys" (Homepage-Zitat) in dem Fellbacher Club angeblich freiwillig zum Flatrate-Tarif alles mit sich machen lassen.

Gegen die Ohnmacht der Polizei wird endlich etwas unternommen. Die Konferenz der Innenminister und -senatoren der Länder beschloss am 5. Juni auf ihrer Frühjahrssitzung in Bremerhaven, das ProstG "hinsichtlich seiner Auswirkungen auf die polizeiliche Arbeit" überprüfen zu lassen und daraus "notwendige Konsequenzen für die Kriminalitätsbekämpfung" im Rotlichtmilieu zu ziehen. Ergebnisse der Überprüfung und Lösungsvorschläge jedoch sollen erst auf der nächsten Frühjahrssitzung 2010 erörtert werden.

In der Zwischenzeit kann sich Patricia Floreiu – Geschäftsführerin der Pussy-Clubs in Fellbach bei Stuttgart, Heidelberg, Wuppertal und Berlin – eins ins Fäustchen lachen. Auf ihrer Homepage verkündet sie frohgemut: "Bereits 4 mal in Deutschland und bald überall!"

Ich wünsche Ihnen trotzdem erholsame Sommerferien. Kehren Sie mit frischem Kampfgeist zurück! Vielleicht in der Tradition der "Dollen Minnas". Diese holländischen Feministinnen zettelten Ende der 1960er Jahre Sitzstreiks vor Bordellen an und druckten die Kennzeichen der Freier-Autos auf Rotlicht-Parkplätzen auf Flugblätter, die sie in Innenstädten verteilten.

Ihre
Sr. Dr. Lea Ackermann

Artikel Nr. 1 von 5 in: Rundbrief Nr. 80 - Juli 2009
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