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Das große Geschäft mit Nigerias Frauen

Von Lukas Roegler
Der junge Bonner Journalist Lukas Roegler ist der Autor des preisgekrönten Dokumentarfilms "Meine Hölle Europa", der am 5. August 2009 um 23.15 Uhr auf Phoenix ausgestrahlt wird. Der Film erzählt die Geschichte von Faith, Linda, Betty und Queen – vier der schätzungsweise 50.000 nigerianischen (Zwangs-) Prostituierten in Europa. Hauptabnehmerland war zunächst Italien, dort stammt inzwischen jede dritte Prostituierte aus Nigeria. Nach und nach wurden weitere Märkte erschlossen: u. a. Deutschland. So registriert das Bundeskriminalamt eine "auffällige Steigerung nigerianischer Opfer". Auch bei SOLWODI steigen die Erstanfragen von Nigerianerinnen. In dem folgenden Text nimmt uns Lukas Roegler mit nach Benin City im Süden Nigerias. Benin City war schon zu Zeiten des historischen Sklavenhandels ein zentraler Umschlagplatz. Heute ist die 2-Millionen-Stadt das Zentrum des modernen Sklavinnenhandels.  

Betty ist Ende zwanzig und bildhübsch. "Mein Vater hat vier Frauen. Insgesamt waren wir zehn Kinder." Sie schüttelt den Kopf. " Für zehn Kinder zu sorgen, ist keine leichte Aufgabe in Nigeria. Ich habe zwar ältere Brüder, aber keiner hat eine gute Arbeit. Deshalb hat mein Vater sein Land verkauft, um mir die Reise nach Europa zu ermöglichen. Alle haben ihre Hoffnungen auf mich gesetzt." Vor vier Jahren ist Betty aus Europa zurückgekehrt. Unfreiwillig. Als Prostituierte verhaftet und abgeschoben. Frauen wie Betty gibt es viele in Benin City.

In der einstigen Hauptstadt des mächtigen Königreichs Benin nimmt man Traditionen besonders ernst. Gerade die patriarchalischen. So ist es auch mit der Polygamie, der Vielehe, die seit jeher für reichen Kindersegen sorgt. In einer Region mit hoher Kindersterblichkeit und einer vormodernen Agrargesellschaft, in der so viele Hände wie möglich gebraucht wurden, sicherte die Vielehe einst das Überleben der Familie und den Eltern den Lebensabend. Heute bedeuten Polygamie und viele Kinder in einem völlig überbevölkerten, urbanen Umfeld mit hoher Arbeitslosigkeit für die meisten Familien bittere Armut. Folglich ist der demografische Druck in Städten wie Benin City enorm und zu einem wichtigen Migrationsgrund geworden.

Doch dies ist nicht die ganze Wahrheit, denn nicht jede überbevölkerte Großstadt Afrikas verkauft ihre Töchter in die Prostitution nach Europa. Und egal was westliche Journalisten auf Kurzbesuch in Nigeria behaupten, für nigerianische Verhältnisse ist Benin City nicht arm. Benin City ist gierig.

Wie genau das mit dem Menschenhandel in Benin City angefangen hat, weiß keiner so recht. Manche sagen, es waren lokale Händlerinnen, die in den 80er Jahren ins Modeland Italien fuhren, um günstig Markenprodukte für den Weiterverkauf in Nigeria zu beschaffen – und sich als von italienischen Männern umworbene exotische Sexobjekte wiederfanden. Wie auch immer, Ende der 80er Jahre emigrierten die ersten Frauen aus Benin City nach Italien, um sich dort für gutes Geld selbst zu prostituieren.

Bald schon konnte diese erste Generation von Nigerianerinnen die enorme Nachfrage nach dem schnellen Sex aus Afrika nicht mehr befriedigen. Mit falschen Versprechungen wurden junge Mädchen aus Nigeria nach Europa gelockt und in die Prostitution gezwungen. So avancierte die erste Generation von Prostituierten aus Benin City zu "Madames" – brutale Zuhälterinnen, die den afrikanischen Frauen- bzw. Mädchenhandel und die nigerianische Zwangsprostitution zum einzigen organisierten Verbrechen weltweit machen, das nahezu ausschließlich von Frauen kontrolliert wird: Frauen, die Frauen versklaven, meist mit Hilfe des Juju-Kultes (s. S. 3). Das Geld dieser Madames und ihrer Familien ist in Benin City omnipräsent. Auf den Straßen der Stadt sieht man heute mehr nagelneue Lexus, Mercedes und BMW-Geländewagen als mancherorts in Europa. Der Erfolg der "Italos" – der Heimkehrer aus Italien – wird hier bewusst zur Schau gestellt. Eine bessere Werbung für ihr Geschäft gibt es nicht.

Tatsache ist, dass sich jedes Jahr Tausende nigerianischer Mädchen und Frauen den Madames anschließen und die gefährliche Reise nach Europa wagen. Manche gehen freiwillig, viele werden von ihren Eltern gedrängt. Die Gefahren werden ausgeblendet. Am Ende zählt für die Eltern nur das Geld. Und damit u. a. auch die Möglichkeit, die traditionell wertvolleren Söhne durch eine kostspielige Ausbildung auf den klammen nigerianischen Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Die ohne echte Aussichten auf lukrative Arbeit in Nigeria überflüssig gewordenen Töchter wissen mittlerweile fast alle, dass sie in Europa als Prostituierte arbeiten werden – wenn sie es überhaupt lebend durch die Wüste schaffen. Indoktriniert von einer patriarchalischen Gesellschaft sehen es die meisten nigerianischen Mädchen als ihre naturgegebene Pflicht, ihre Familien daheim zu unterstützen. Egal wie. Auch wenn sie mit ihrem Körper unter menschenunwürdigsten Bedingungen zuerst 50.000 Euro „Reisekosten" erwirtschaften müssen, bevor sie ihr eigenes Geld verdienen können. Die Opfer eines antiquierten Familienideals opfern sich für ihre der Vergangenheit verhafteten Eltern. Oft, viel zu oft bis zum Tod.

Infos zum Film "Meine Hölle Europa - vom Handel mit Afrikas Frauen": http://www.sisters-of-no-mercy.com .
Kontakt Lukas Roegler: info[at]konfilm.com



Lukas Roegler bei Dreharbeiten in benin City

Artikel Nr. 3 von 5 in: Rundbrief Nr. 80 - Juli 2009
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