SOLWODI e.V.


Der Juju-Vertrag – Psychoterror gegen Frauenhandelsopfer


Joana Adusuwa Reiterer

Von Joana Adesuwa Reiterer

Die Autorin und Filmemacherin Joana Adesuwa Reiterer wurde 1981 in Benin City geboren. Seit 2003 lebt sie in Wien, wohin sie nach ihrer Heirat mit einem österreichischen Geschäftsmann nigerianischer Herkunft zog. Als sie herausfand, dass die "Ware", die ihr Mann vertrieb, junge Nigerianerinnen waren, zeigte sie ihn an. 2006 gründete sie EXIT, eine Menschenrechtsorganisation, die den Handel mit Frauen aus Nigeria bekämpft. 2008 erschien ihr autobiografisches Buch "Die Wassergöttin". Darin schildert sie anhand ihrer Kindheits- und Jugendgeschichte den Einfluss des Juju-Kults (in Europa als Voodoo bekannt) auf die – oft mit entfesselter Sexualgewalt verbundene – Unterdrückung von Mädchen und Frauen in Nigeria. In dem folgenden Text fordert Joana Adesuwa Reiterer mehr Verständnis für nigerianische Frauenhandelsopfer, die meist gar nicht als solche wahrgenommen werden, weil sie sich scheinbar frei bewegen dürfen, obwohl sie Sklavinnen sind: gefesselt durch Juju.

Als Mädchen wächst man in Nigeria mit dem Wissen auf, dass es Geister und Hexen gibt, dass Männer wertvoller als Frauen sind, dass nur Geld Respekt verschafft und dass Juju-Priester mächtig sind – so mächtig, dass sie mit ihren geistig-diabolischen Kräften töten können, über jegliche Distanz hinweg. Juju-Priester sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Häufig tarnen sie sich als Pastoren christlicher Pfingstkirchen. Einerlei, ob offen oder verdeckt, sind viele von ihnen in kriminelle Netzwerke verstrickt, die Unsummen mit Frauenhandel verdienen und dabei ausgefeilt psychologisch vorgehen, indem sie sich auf die von Juju geprägte, patriarchalische Mädchen-Sozialisation stützen.

Ein typisches Beispiel für diese Vorgehensweise ist die 18-jährige Linda, arbeitslos, in einer polygamen Familie aufgewachsen, die an Geister und Juju glaubt. Als ihr eine Nachbarin – eine so genannte Madam namens Mama Susan – gute Verdienstmöglichkeiten als Tänzerin in einer österreichischen Bar versprach, willigte Linda sofort ein. Sie hatte auch nichts dagegen, einen Vertrag mit Mama Susan abzuschließen: vollzogen durch ein Ritual von Doktor Ulu, einem allseits geschätzten Juju-Priester. Was dieser ihr antat, erzählte mir Linda so:

"Mir wurde gesagt, ich solle mich ausziehen. Doktor Ulu hat mir die Achselhaare und die Fingernägel abgeschnitten. Er nahm meine Unterwäsche und vergrub alles in einem Tontopf, der mit rotem Sand gefüllt war. Während er eine Flüssigkeit, die aussah wie Blut, in den Topf schüttete, sagte er: "Schwöre, Linda, dass du 50.000 Dollar Reisekosten an Mama Susan zurückzahlst! Schwöre, dass du sie niemals bei der Polizei melden und niemals in Schwierigkeiten bringen wirst!" Nachdem ich das geschworen hatte, drohte Doktor Ulu: "Wenn du versuchst zu fliehen, wirst du verrückt werden. Wenn du den Schwur brichst, wirst du krank und stirbst.""

In Österreich wurde Linda keine Tänzerin; sie musste sich prostituieren, um ihre Schulden zu begleichen. Wie allen Opfern wurde ihr gleich nach der Ankunft in Europa ein Mobiltelefon ausgehändigt. Über diese Telefone erhalten die jungen Frauen in regelmäßigen Abständen Drohanrufe. Sie werden an besonders Angst einflößende oder erniedrigende Details der Schwur-Zeremonie erinnert. Zum Beispiel, dass sie sich in ein offenes Grab legen oder das Blut von toten Tieren trinken mussten; dass man sie zwang, sich in Anwesenheit von Verwandten und Bekannten zu entblößen. Vor allem aber wird via Handy dafür gesorgt, dass das Opfer nie vergisst, welche tödlichen Konsequenzen der Bruch des Schwurs hat.

Die Opfer verweigern für gewöhnlich medizinische Behandlungen und Psychotherapien, was die Arbeit von Hilfsorganisationen erheblich erschwert. Es ist aber überaus wichtig, diesen schwer traumatisierten Frauen SozialarbeiterInnen an die Seite zu stellen, die über Juju informiert sind und ihnen zuhören, statt sie zu verhören. Da häufige Befragungen bei den Opfern immer wieder zu Flashbacks führen – das sind blitzartig einsetzende Erinnerungen, die als real erlebt werden – wird ihre Kooperationsbereitschaft verständlicherweise geschmälert. Um Polizei, Justiz und Ausländerbehörden davon zu überzeugen, dass es sich bei diesen jungen Nigerianerinnen nicht um freiwillige Prostituierte, sondern um Menschenhandelsopfer handelt, bedarf es jedoch Zeuginnen-Aussagen. Aufgrund meiner Kenntnis vieler Fälle wie Lindas fordere ich die Erstellung eines einzigen detaillierten Berichts, um dem Opfer die ständige Wiederholung traumatischer Erinnerungen zu ersparen und dennoch zur Beweisführung beizutragen.

Aber leider werden die jungen Nigerianerinnen von Behörden meist mit Fragen wie diesen konfrontiert: "Wenn Sie Opfer von Menschenhandel sind und nicht als Prostituierte arbeiten wollten, warum sind Sie dann nicht geflohen? Sie wurden nicht als Geisel gehalten und konnten sich frei bewegen – wieso sind Sie nicht zur Polizei gegangen?"

Infos über EXIT:

Zum Weiterlesen: Joana Adesuwa Reiterer: "Die Wassergöttin", gerade als Taschenbuch erschienen (Knaur 8,95 €). Mary Kreutzer u. Corinna Milborn: "Ware Frau. Auf den Spuren moderner Sklaverei von Afrika nach Europa" (Ecowin 18,95 €).

www.adesuwainitiatives.org

 

Artikel Nr. 4 von 5 in: Rundbrief Nr. 80 - Juli 2009
< Vorheriger  Zur Übersicht  Nächster >

SOLWODI e.V.
Propsteistraße 2
D-56154 Boppard - Hirzenach
Tel.: (0 67 41) 22 32
Fax: (0 67 41) 23 10
E-Mail: info@solwodi.de

Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollstädigkeit der Informationen wird nicht übernommen. Näheres zur Nutzung und Haftung für diese Website entnehmen Sie bitte unseren Nutzungsbedingungen unter www.solwodi.de. Sämtliche Inhalte dieser Website unterliegen dem Urheberrecht des SOLWODI e.V. Weitere Angaben zum Verein SOLWODI entnehmen Sie bitte dem Impressum unter www.solwodi.de. Alle Rechte vorbehalten.

Website sponsored by agentur makz, Berlin (www.makz.de).