Ein schon länger anhaltender Trend hat sich 2008 fortgesetzt: Bei Zwangsheirat und Gewalt im Namen der Ehre ist die Zahl der Erstanfragen an SOLWODI erneut gestiegen – auch weil die Opfer mutiger werden, vermuten wir.
2008 nahmen 1348 Migrantinnen erstmals Kontakt zu SOLWODI auf. Darunter 126 Frauen und Mädchen, die von Zwangsverheiratung bedroht oder aus Zwangsehen geflohen waren. Hinzu kommen 118 Frauen und Mädchen, die ihre Familien wegen psychischer und physischer Gewalt im Namen der Ehre verließen oder verlassen wollten. Insgesamt also 244 Personen und 18% aller Erstanfragen im Jahr 2008. Im Vergleich dazu die Vorjahre: 16% in 2007, 14,5% in 2006 und 12,3% in 2005.
Dieser kontinuierliche Anstieg bedeutet nicht unbedingt, dass die von Familienmitgliedern an Migrantinnen verübten Verbrechen zunehmen. Womöglich ist er ein Zeichen dafür, dass die Opfer mutiger werden – einige Opfer. Was ist mit den Vielen, denen es nach wie vor an Mut mangelt?
Vagen Schätzungen zufolge sollen es Tausende sein. Genaues weiß niemand. Darum bereitet das Bundesfamilienministerium zurzeit eine Studie zum "Umfang und Ausmaß von Zwangsverheiratung in Deutschland" vor; Ergebnisse sind nicht vor 2010 zu erwarten. Für eine im Mai 2006 veröffentlichte Untersuchung des Bundeskriminalamts (BKA) über das "Phänomen Ehrenmorde" wurden 55 Fälle (einschließlich Mordversuche) gezählt, die zwischen Januar 1996 bis Juli 2005 polizeilich bekannt wurden. Wahrscheinlich sind es erheblich mehr Fälle, da die Polizei dem BKA zufolge einen Mord oftmals nicht als Ehrenmord identifiziert: "mangels polizeilicher Definition des Begriffes." Also auch hier ein großes Dunkelfeld.
Sich bei SOLWODI oder anderen Organisationen zu melden, erfordert nicht nur Mut, sondern auch psychisches Durchhaltevermögen. Denn die Entscheidung, die Familie zu verlassen, hat gravierende Folgen. Dazu Sr. Paula Fiebag, Leiterin der SOLWODI-Beratungsstelle in Braunschweig: "Die Betroffenen müssen sich oft ein Leben lang vor der eigenen Familie schützen. Sie kämpfen mit Schuldgefühlen. Sie sehnen sich nach ihren Geschwistern und Freundinnen. Weil jegliche Kontaktaufnahme zu dem früheren sozialen Umfeld Gefahr für Leib und Leben birgt, fühlen sie sich isoliert und einsam."
Auch der Kampf um einen eigenen Aufenthaltsstatus ist belastend, weiß Sr. Paula aus langjähriger Erfahrung. Ausländerinnen, die gegen ihren Willen in Deutschland verheiratet werden, erhalten nämlich erst nach zwei Jahren eine von der Aufrechterhaltung der (Zwangs-)Ehe unabhängige Aufenthaltserlaubnis. Für in Deutschland aufgewachsene Minderjährige haben die Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht. Sr. Paula: "Deshalb erweist sich die sichere Unterbringung junger Mädchen oft als sehr problematisch."
Was ist eigentlich unter Gewalt im Namen der Ehre zu verstehen? Dabei handele es sich um "eine Form von Gewalt gegen Frauen und Mädchen, die innerhalb stark patriarchalisch strukturierter Familien und Gesellschaften vorkommt", heißt es in einem empfehlenswerten TERRE DES FEMMES-Hilfsleitfaden für Beratungsstellen und Behörden (Download: www.frauenrechte.de). Gewalttaten im Namen der Ehre und Zwangsverheiratungen werden zwar meist religiös gerechtfertigt, sind aber ein Relikt archaischer Stammeskulturen. In Deutschland sind vor allem Türkinnen und Kurdinnen betroffen, weil die Mehrheit der EinwanderInnen aus der Türkei und kurdischen Regionen stammt.
Als "unehrenhaftes Verhalten" gilt u.a.: unkeusche Kleidung, ein Gespräch oder Flirt mit einem Fremden, das Streben nach Selbständigkeit oder die Verweigerung einer Zwangsheirat. Häufig können sich Mädchen gar nicht weigern, weil sie nicht wissen, was ihnen bevorsteht: eine so genannte "Heiratsverschleppung". Die Eltern versprechen ihrer Tochter schöne Sommerferien im Herkunftsland. Und dort erwarten das Mädchen dann womöglich nicht nur die geliebten Großeltern, sondern auch die Hochzeit mit einem unbekannten Cousin. Zwecks Zwangsverheiratung ins Ausland verschleppte Migrantinnen ohne deutsche Staatsbürgerschaft verlieren nach einem halben Jahr ihr Bleiberecht in Deutschland. Die jungen Frauen sollen auch später noch zurückkehren dürfen, fordert ein fraktionsübergreifendes Bündnis aus FDP, Grünen und Linken im Bundestag. Die Opposition will zudem ein eigenständiges Aufenthaltsrecht für Ausländerinnen durchsetzen, die in Deutschland zwangsverheiratet wurden.
Nicht nur die GesetzgeberInnen sind gefordert – wir alle sind gefragt. Beispielsweise wenn ein Nachbarmädchen uns heimlich einen Zettel zusteckt, auf dem u.a. Folgendes steht: "Ich, die Unterzeichnende, befürchte, während der Ferien im Herkunftsland meiner Eltern gegen meinen Willen verheiratet zu werden. Sollte ich nach den Ferien nicht nach Deutschland zurückkehren, kann dies nur gegen meinen Willen geschehen sein." Diese "Vollmacht für anwaltliche Tätigkeiten/Hilfe bei Zwangsheirat" (Download: www.zwangsheirat.de ) ist Kernstück des von der Anwältin Seyran Ates und der Sozialwissenschaftlerin Necla Kelek initiierten Projekts: "Ferienbräute – nicht mit uns!"
Literaturtipps:
Necla Kelek: "Die fremde Braut" (Goldmann 8,95 €);
Serap Cileli: "Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre" (Blanvalet 7,95 €);
Inci Y.: "Erstickt an euren Lügen" (Piper 7,95 €);
Seyran Ates: "Der Multikulti-Irrtum" (Ullstein 8,95 €).
| < Vorheriger | Zur Übersicht | Nächster > |