Title: Im Blickpunkt: Zusammenarbeit mit den mittel- und osteuropäischen Ländern
Subtitle: Rundbrief Nr. 60 - Juli 2004

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Im Blickpunkt: Zusammenarbeit mit den mittel- und osteuropäischen Ländern

Vom 13.-17.6.2004 besuchte ich Litauen auf Einladung meiner Kollegin Kristina Misiniene von der Caritas Kaunas. Gemeinsam führten wir eine zweitägige Trainingsmaßnahme für litauische PolizeibeamtInnen und MitarbeiterInnen von Beratungsstellen durch. Diese Veranstaltung wurde vom Sektorvorhaben Bekämpfung des Frauenhandels gefördert. Das Sektorvorhaben "Bekämpfung des Frauenhandels" wird von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) durchgeführt und aus Mitteln des Aktionsprogramms 2015 der Bundesregierung zur Armutsbekämpfung finanziert.

Die Idee zu dieser Tagung entstand Ende November letzten Jahres, als Kristina Misiniene an einer Studien- und Informationsreise des BKA teilnahm und wir uns endlich persönlich kennen lernten. Im Rahmen dieser Maßnahme konnte ich auch, zusammen mit einem Beamten des Zeugenschutzes, die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Polizei und Fachberatungsstelle in Fällen von Menschenhandel darstellen. Bei Besuchen der Delegation war der kollegiale Austausch vor allem sehr wichtig für uns, weil wir in der Vergangenheit schon in mehreren Fällen bei der Rückreise und Reintegration litauischer Opferzeuginnen zusammen gearbeitet hatten. Dabei war uns auch klar geworden, dass unsere Kooperation noch ausbaufähig und verbesserungsbedürftig ist. Gleichzeitig wurde von den litauischen KollegInnen Bedarf an einer praxisorientierten Weiterbildungsmaßnahme formuliert, welche die konkrete psychosoziale und psychologische Arbeit mit den Opfern von Menschenhandel und Zwangsprostitution in Litauen in den Mittelpunkt stellt.

Zu der Schulung in der Universität von Kaunas wurden 20 Mitarbeiterinnen von Beratungsstellen und 10 PolizeibeamtInnen aus dem Ermittlungs- und Zeugenschutzbereich eingeladen. In Kurzvorträgen wurde Hintergrundwissen (z.B. über die Situation der betroffenen Frauen in Litauen und Deutschland, über die psychischen Folgen der Zwangsprostitution, die rechtlichen Rahmenbedingungen etc.) vermittelt. In Arbeitsgruppen tauschten wir Erfahrungen aus der Praxis aus und erarbeiteten Verbesserungsvorschläge für die weitere binationale und interdisziplinäre Kooperation. Zum Jahresende werden Kristina Misiniene und ich gemeinsam überprüfen, ob sich die Ergebnisse unserer Schulungsmaßnahme im Arbeitsalltag bewährt haben und diese eventuell auch auf andere Länder übertragbar sind.

Dabei wird auch zu berücksichtigen sein, wie sich der Beitritt Litauens zur EU auswirkt und wie wir als Fachberatungsstellen mit der veränderten Situation umgehen können.

Opfer von Menschenhandel aus Ländern der EU werden seltener "entdeckt", davon gehen PolizeibeamtInnen schon jetzt aus, da die Polizei keine rechtliche Handhabe mehr hat, die im Bordell angetroffenen Frauen auf die Dienststelle zu bringen. Die bisherigen Erfahrungen haben nämlich gezeigt, dass sich Opfer in den seltensten Fällen sofort beim ersten Kontakt mit der Polizei zu erkennen geben und bereit sind, auszusagen und Unterstützung anzunehmen. Oft erst im vertraulichen Gespräch mit einer Beraterin - weg von Tatbeteiligten und Tatort - können sich betroffene Frauen über ihre Rechte und Perspektiven informieren, um dann eine Entscheidung für sich zu treffen, nämlich als Zeugin in Deutschland zu bleiben oder Hilfe bei der Reintegration im Heimatland anzunehmen. Wir werden überlegen müssen, wie wir zukünftig mehr Frauen präventiv über Menschenhandel aber auch über Beratungs- und Unterstützungsangebote aufklären können und welche neuen Konzepte entwickelt werden müssen, natürlich in Absprache mit den Fachberatungsstellen der Herkunftsländer.

Auf jeden Fall wird die EU-Osterweiterung von uns als Chance begriffen, unbürokratische und persönliche Kontakte mit unseren KollegInnen zu pflegen, enger zusammen zu arbeiten und auch aus den dort gemachten Erfahrungen von und mit den KollegInnen zu lernen.

Eva Schaab

Artikel Nr. 4 von 7 in: Rundbrief Nr. 60 - Juli 2004
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