SOLWODI e.V.


Zwangsheirat und die Folgen

Dorothee Helou

SOLWODI arbeitet deutschlandweit für Frauen mit ausländischem Hintergrund, die in Not geraten sind. Dadurch kommen wir mit fremden Kulturen in Berührung, erfahren die Probleme, die durch Kontakt mit unserer Kultur entstehen können und auch Probleme, die mitgebracht werden, hervorgerufen durch radikale Strömungen, die wohl in allen Kulturen in unterschiedlichen Formen auftreten können.

Eine Frauenorganisation wie SOLWODI befasst sich natürlich mit geschlechtsspezifischen Problemen, wie z.B. Beschneidung, Misshandlungen, Versklavungen, Ausgrenzungen aus der Gesellschaft, Zwangshochzeiten oder -ehen, Ehrenmorddrohungen etc.

In traditionell patriarchalischen Gesellschaften, z.B. im Nahen Osten oder Nord-Afrika, kann es geschehen, dass eine Frau Misshandlungen durch den Ehemann ertragen muss. Sogar ihre eigene Familie schickt sie zu dem Mann zurück, wenn sie – nachdem sie krankenhausreif geschlagen wurde – in das Elternhaus flieht. Setzt der Ehemann sie dann auf die Straße, muss der Vater (die Mutter hat keinen Einfluss auf Entscheidungen, die nicht ihren Haushalt betreffen; und eine verheiratete Tochter gehört nicht mehr zum Haushalt) sie zurücknehmen, was mit Ehrverlust für den Vater verbunden ist, da er seine Tochter in den Augen der Gesellschaft nicht richtig erzogen hat. Häufig wird dann schnell eine zweite Ehe geschlossen, da die Tochter im Elternhaus ein Störfaktor ist und auch zusätzliche Ausgaben verursacht, die sich die Familien oft nicht leisten können. Eine Ehe mit einem Landsmann, der in Deutschland wohnt, wird von der Familie als Glücksfall angesehen. Der Schwiegersohn muss ja erfolgreich sein! Es wird oftmals erwartet, dass die Tochter die Familie unterstützt. Eventuelle Schwächen dieses neuen Ehemannes, wie z.B. Gewalttätigkeit, Arbeitslosigkeit oder fortgeschrittenes Alter, werden tunlichst übersehen. Wenn auch diese Ehe scheitert, ist die Familienehre im Heimatland wirklich in Gefahr und man droht der Tochter, dass sie als 2-mal geschiedene Frau mit einem gewaltsamen Ende rechnen kann.

Tritt dann tatsächlich der Fall ein, dass die Frau (wie in einem unserer aktuellen Fälle) durch psychischen Druck und physische Misshandlungen – Freiheitsberaubung, Vergewaltigung, Schläge – stationär psychiatrisch behandelt werden muss, kann sie sich SOLWODI anvertrauen. Diese Frau wollte sich lieber das Leben nehmen, als weiterleben zu müssen und weiter tägliche Qualen ertragen zu müssen. SOLWODI sorgt in diesen Fällen für eine sichere Unterbringung außer Reichweite des Ehemanns oder sonstiger Familienangehöriger. Es muss auch mit den Ausländerämtern verhandelt werden, Beweise für die Misshandlungen und für die Glaubhaftigkeit der Morddrohung seitens ihrer Familie müssen beschafft werden. Außerdem werden Deutschkurse organisiert und auch eine rechtliche Beratung wird notwendig, z.B. wenn auch noch eine Tochter aus erster Ehe bei der Familie der Frau lebt und man befürchten muss, dass ihr dasselbe Schicksal droht.

Alle an den jeweiligen Fällen beteiligten Mitarbeiterinnen von SOLWODI arbeiten eng zusammen. Mit unseren jahrelangen Erfahrungen in diesem Problembereich unterstützen wir unsere Frauen intensiv und versuchen, die bestmögliche Lösung für jede von ihnen zu finden.

Artikel Nr. 5 von 8 in: Rundbrief Nr. 76 - Juni 2008
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