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Geschichte der 15-jährigen Katinka aus Bulgarien

Anfang Januar 2008 wurde eine unserer SOLWODI-Mitarbeiterinnen durch die Internationale Organisation für Migration (IOM) auf das Schicksal der 15-jährigen Katinka aus Bulgarien aufmerksam gemacht. Es gebe schwerwiegende Anzeichen dafür, dass das Mädchen in Deutschland Opfer von Menschenhandel zwecks Arbeitsausbeutung geworden sei.

Katinka war im Mai 2007 nach Deutschland gekommen, um in einer Kleinstadt in einer Gaststätte zu arbeiten. Grund für diese Entscheidung war die hoffnungslose Lage ihrer Familie in Bulgarien. Katinka, älteste von sieben Geschwistern, (6 Mädchen und 1 Junge), war in Bulgarien im Alter von 13 Jahren verheiratet worden. Mit 14 Jahren bekam sie ihr erstes Kind. Sie hatte nie die Möglichkeit, eine Schule zu besuchen und lernte deshalb weder lesen noch schreiben. Von ihren Geschwistern geht nur der Junge zur Schule. Da ihr Ehemann alkoholabhängig und gewalttätig war, wurde sie oft misshandelt. Sie floh vor ihm und kehrte mit ihrem Kind zu ihren Eltern zurück.

Ihre Familie lebt in Bulgarien in großer Armut. Ein Bekannter der Familie machte Katinka das Angebot, zum Arbeiten nach Deutschland zu gehen. Sie sollte für 15 € Tageslohn in einer Gaststätte arbeiten. Um ihre Familie zu unterstützen, beschloss Katinka das Angebot anzunehmen, und ging mit dem Einverständnis ihrer Eltern nach Deutschland. Sie kam zu A. in eine Gaststätte. Dort musste sie von morgens sieben Uhr bis spät in die Nacht, oft bis vier oder halb fünf, in der Gaststätte arbeiten. Von dem zugesagten Arbeitslohn bekam sie nie etwas. Essen und Zigaretten wurden ihr gegeben, aber kein Geld, das Sie ja ihrer Familie schicken wollte. Der Wirt bedrohte, schlug und vergewaltigte sie mehrmals. Sie hatte große Angst vor ihm. Als die Polizei Katinka im Oktober 2007 entdeckte und verhörte, wagte sie nicht, eine Aussage zu machen und verwickelte sich in Widersprüche. Die Polizei schätzte sie als unglaubwürdig ein. Ein Fall von Menschenhandel zum Zwecke der Arbeitsausbeutung wurde seitens der Polizei deshalb nicht festgestellt. Im Gegenteil, Katinka wurde wieder zu ihrem Arbeitgeber zurückgeschickt. Im Dezember 2007 gelang ihr die Flucht. Das Mädchenheim, das sie aufnahm, stellte am ganzen Körper des Mädchens blaue Flecken fest.

Unsere SOLWODI-Mitarbeiterin, die mittlerweile von IOM verständigt worden war, traf sich mit Katinka und einer Dolmetscherin. Katinka war sehr verängstigt und weinte viel. Auch hatte sie große Angst, schwanger zu sein. Katinka berichtete, ihre Mutter habe zu hause per Telefon Drohungen erhalten, außerdem sei der Mutter für die Tochter viel Geld geboten worden. Katinka wollte nur noch nach Hause zu ihrer Familie in Bulgarien, obwohl sie auch dort Angst haben musste, A. könne kommen und sie mitnehmen oder ihrer Familie etwas antun. Unsere SOLWODI-Mitarbei-terin, die Katinka als hochgradig traumatisiert einstufte, wandte sich an die zuständigen Strafverfol-gungsbehörden, um nähere Informationen zu dem Fall zu erhalten. Diese reagierten abwehrend: Das Mädchen sei ausreichend von der Polizei vernommen worden, eine zusätzliche richterliche Vernehmung sei nicht notwendig.

Katinka ist mittlerweile wieder in Bulgarien. Ob sie für einen eventuellen Prozess nach Deutschland zurückkehrt, ist ungewiss. Ohne ihre Aussage wird es wohl zu keiner Verurteilung kommen. So ist die Abschiebepraxis immer zum Vorteil der Täter.

Artikel Nr. 3 von 8 in: Rundbrief Nr. 75 - März 2008
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