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Die krank machenden Widersprüche der Prostitution

Die krank machenden Widersprüche der Prostitution


Von Dr. Christina Lamertz

"Prostitution ist überwiegend eine physisch und psychisch belastende Tätigkeit, die nicht selten von besonders verwundbaren Gruppen ausgeübt wird", heißt es in einem Bericht der Bundesregierung, aus dem wir im letzten Rundbrief zitierten. Die Diplompsychologin und Gerichtsgutachterin Dr. Christina Lamertz vom Hamburger Institut für Rechtspsychologie und Mediation erklärt Hintergründe.

Die Entwicklungspsychologie weiß um die Bedeutung von Zärtlichkeit und liebevoller Aufmerksamkeit für die kindliche, insbesondere frühkindliche Entwicklung. Das Baby genießt die Liebkosungen der Eltern, es reagiert mit Lächeln und Entspannung auf diese vertrauten Zuwendungen und fordert diese auch selbständig ein. Gleichzeitig ist bereits ein Baby in der Lage, Unmutsäußerungen von sich zu geben, wenn es in Ruhe gelassen werden will. Es ist in seinen Signalen eindeutig und unmissverständlich.

In einer intakten Eltern-Kind-Beziehung empfindet ein Kleinkind die elterlichen Liebkosungen als authentische Wertschätzung und kann sich daher dieser Liebe bedingungslos und vertrauensvoll öffnen. Sowohl dieses Urvertrauen in die elterliche Liebe als auch die Gewissheit, dass die Eltern nichts tun würden, was die natürliche Würde ihres Kindes antastet, bilden Grundpfeiler der gesunden Persönlichkeitsentwicklung. Für Eltern ist es daher nicht nur wichtig, die kindlichen Signale unterscheiden zu lernen, sondern vor allem auch die Bedürfnisse des Kindes nach eigener Intimsphäre zu respektieren. Notwendig ist hierbei, dass ein Kind frühzeitig erfahren darf, dass die eigene Befindlichkeit sich durchaus von den elterlichen Wünschen nach körperlicher Nähe unterscheiden kann und dieser Umstand völlig akzeptabel ist.

Kinder haben in der Regel ein intuitives Gespür dafür, wie viel Nähe angemessen und wann Abgrenzung erforderlich ist. Beobachtet man Kinder, die sich erstmals begegnen, so ist es bemerkenswert, wie vorsichtig körperliche Grenzen getestet und Berührungen anderer Kinder unmissverständlich entweder zugelassen oder nicht zugelassen werden. Voraussetzung für ein solches sich-selbst-bewusstes, souveränes Verhalten ist eine gesunde Autonomieentwicklung, in der das Kind den Zufluss an Liebkosungen selbst kontrollieren kann und nicht den Bedürfnissen der Eltern oder anderer Personen hilflos ausgesetzt ist.

Der eigene Körper ist unmittelbar mit der eigenen Identität und Selbstachtung verbunden. Daher spielt die Körperlichkeit bei vielen psychischen Erkrankungen eine herausragende Rolle. Essgestörte Frauen berichten häufig über eine reduzierte sensorische Empfindungsfähigkeit und Menschen mit Abhängigkeitssyndromen über Abgestumpftheit ihrer Sinne; depressive Patienten empfinden sich sozial und körperlich isoliert.

Ihre Kindheit war möglicherweise von wechselnden Heimaufenthalten, ständigen Beziehungsabbrüchen (wie Scheidungen, Trennungen), elterlicher Gleichgültigkeit oder Missachtung kindlicher Bedürfnisse (z. B. durch Misshandlung, Vernachlässigung) geprägt. Junge Erwachsene mit einer solchen Entwicklungsgeschichte zeigen nicht selten eine Tendenz, bei unvertrauten oder manipulativ agierenden Personen körperliche Nähe zu suchen. Übergriffiges Verhalten wird als solches nicht erkannt oder als vermeintlich wertschätzende Zuwendung missinterpretiert.

Eine "freiwillige" Prostituierte befindet sich in einer vergleichbar widersprüchlichen Lage. Sie begibt sich in eine Situation, die einerseits ein Höchstmaß an körperlicher Intimität erzwingt, ihr andererseits aber emotionale Distanziertheit und innere Unbeteiligtheit abverlangt: unter anderem auch, weil sie gleich-zeitig potentielle Sicherheitsrisiken (Geschlechtskrankheiten, Gewalt etc.) und die Abwicklung der geforderten "sexuellen Dienstleistungen" im Auge behalten muss.

Die Annahme der "leidenschaftlichen und beglückten Liebesdienerin" mutet schon allein deshalb absurd an. Jedenfalls stellt diese einen emotionalen Dauerspagat im Sinne einer "kontrollierten Hingabe" erzwingenden Situation für einen Menschen eine massive psychische Überforderung dar und verleitet Prostituierte häufig zum Drogen- und Alkoholmissbrauch sowie zu anderen selbst zerstörenden Verhaltensmustern.

Babys und Kleinkinder suchen sich oft, durch inneren – depressiven – Rückzug vor wiederkehrenden und für sie unkontrollierbaren emotionalen Verletzungen zu schützen; dabei können sie auf den unbedarften Beobachter vordergründig durchaus kontaktfreudig oder psychisch stabil wirken. Auf ähnliche Weise entsteht durch den Griff zu Betäubungsmitteln sowie durch den Tunnelblick auf das ach so leicht verdiente Geld eine quasi faustische Illusion, welche die für die Prostituierte und – genau genommen auch für ihren Freier – erniedrigende Situation in ein trügerisches Licht von Selbstbestimmung und Unversehrtheit rückt.

Ist die Schwelle einmal überschritten, fällt es beim zweiten Mal schon leichter. Mit jedem Mal gewinnt die neue Erlebniswelt ein Stück Normalität bis hin zur Absurdität, wo die Selbstverleugnung als normal und ein Leben außerhalb der Prostitution als nicht mehr vorstellbar empfunden wird. Die Waagschalen haben sich verschoben.

Artikel Nr. 3 von 5 in: Rundbrief Nr. 72 - Juli 2007
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