Über Menschenhandel wird viel geredet. Zwangsprostitution, Zwangsheirat und Sextourismus waren niemals so viel im Gespräch wie heute. Die Themen werden kontrovers diskutiert und doch besteht viel Unwissenheit. Diese Erfahrung habe ich erneut im Juni bei einer öffentlichen Anhörung im Europäischen Parlament gemacht. Dort war ich vom "Europäischen Komitee für Frauenrechte und Gleichstellung" eingeladen, um die Situation von Frauen, die Opfer von Menschenhandel sind, zu schildern. Es wurde deutlich wie wichtig es ist, dass Politiker Informationen aus dem Alltag der Fachberatungsstellen erhalten.
Vielleicht ist diese Unwissenheit auch ein Grund warum die Bekämpfung von Menschenhandel in der Politik und bei der Polizei nicht die gleiche Priorität erhält wie die Bekämpfung von Drogenhandel und Terrorismus. Der BKA Lagebericht 2003 (der aktuelle Bericht liegt bei Redaktionsschluss nicht vor) zeigt zwar: die Menschenhandelsfälle gehen zurück. Doch wir vermuten, dass diese Statistiken von den tatsächlichen Gegebenheiten ablenken. Es werden immer weniger Opfer von Menschenhandel entdeckt. Nicht, weil sie nicht vorhanden sind.
Die Polizei beklagt, dass sie mit dem neuen Prostitutionsgesetz kaum eine Handhabe hat, Razzien durchzuführen. Und wir beklagen, dass Politik und Polizei zu wenig nach Menschenhandel schauen und zu häufig auf illegale Aufenthalte und Abschiebung setzen. Frauen, die unfreiwillig in der Prostitution sind haben fast nur die Chance über Razzien entdeckt zu werden. Wenn das der Fall ist, müssen sie auf das Menschenhandelsgesetz hin überprüft werden. Dabei ist es auch wichtig, entsprechend schnell die Fachberatungsstellen hinzuzuziehen. Menschenhandelsopfer haben oft wenig Vertrauen in die Polizei. Neutrale Mitarbeiterinnen von Fachberatungsstellen finden eher einen Zugang zu den unter starkem Druck stehenden Frauen.
Andere Wege gegen den Frauenhandel vorzugehen, können über die Freier führen. Sensibilisierte Freier können Frauen in der Zwangs-prostitution helfen, indem sie sich an die Fachberatungsstellen wenden oder Anzeige erstatten. Freier, die aus der Notsituation einer Frau noch einen Lustgewinn erzielen, sollten bestraft werden. Ein Gesetz zur Bestrafung von Freiern in Zusammenhang mit Zwangsprostitution wird von vielen Seiten gefordert. Der Vatikan, der bislang meist einen moralisierenden Blick auf das Verhalten der Frauen in der Prostitution geworfen hat, erkennt, dass zur Prostitution zwei gehören. Er hat jetzt deutlich Position bezogen und plädiert für harte Strafen für Freier. "Kunden von Prostituierten müssten die volle Härte des Gesetzes erfahren" heißt es im Schlussdokument einer internationalen Tagung des Päpstlichen Rates zur Migrantenseelsorge, an der auch SOLWODI vertreten war. Hier kann auch die Politik ein Signal bei der Bekämpfung des Menschenhandels setzen und Gesetze schaffen zur Freierbestrafung bei Zwangsprostitution.
Sr. Lea Ackermann
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