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Die im Dunkeln sieht man nicht...

...heißt es in Brechts "Dreigroschenoper" über Bettler in London und das Elend als Ware. Es ist der letzte Vers des legendären Mecky-Messer-Songs. Schwester Lea sagte neulich zu mir: "Oft werde sie daran erinnert, wenn sie Kinder anschaue.? Zuerst begriff ich nicht, was sie damit meinte: Um DAS KIND dreht sich in unserer überalterten Gesellschaft derzeit anscheinend alles! Oder vielleicht doch nicht?

Zum Beispiel Abdul, vier Jahre. Seine Mutter, die Albanerin Fatime, 22, suchte bei SOLWODI Schutz: vor ihrer eigenen Sippe. Nach traditionell albanischem Brauch hat eine Frau nicht das Recht, sich ihren Mann selbst auszusuchen. Fatime tat es trotzdem und wurde noch dazu unehelich schwanger. Dass sie angeblich die Familienehre beschmutzt hat, soll nun mit ihrem Tod geahndet werden: ein so genannter "Ehrenmord", hier, mitten in Deutschland. Seither ist Fatime auf der Flucht, muss sich verstecken. Das unstete Leben, die ständige Angst, Armut und Obdachlosigkeit haben ihrem Sohn von vornherein jegliche Möglichkeit geraubt, sich "altersgemäß zu entwickeln", wie es so schön in Pädagogik-Ratgebern heißt, die unfruchtbare deutsche Paare schon vor dem ersten künstlichen Befruchtungsversuch lesen. Abdul ist geistig wie körperlich zurückgeblieben - und wird es wohl immer bleiben.

Zum Beispiel Senta, acht Jahre. Sie ist die Tochter einer staatenlosen Roma, die in tschechischen Heimen aufwuchs. Nadja, inzwischen 24, wurde mit 15 durch eine Vergewaltigung schwanger. Abtreiben wollte sie nicht. Sie sehnte sich nach einem Kind, weil sie selbst nie eins sein durfte. Sie wünschte sich Liebe, Nähe, Zärtlichkeit. Was man als kleiner Mensch nicht bekommen hat, kann man als großer nicht geben. Nadja hat nicht gelernt, wie das geht: Muttersein. Und hier in Deutschland, wo sie als Zwangsprostituierte anschaffen musste, macht sich niemand die Mühe, ihr dabei zu helfen. Folge: Die hochintelligente Senta treibt sich auf der Straße herum - mit anderen "verwahrlosten Kindern".

Zum Beispiel Max, zehn Jahre. Er ist einer von Sentas Kumpeln. Der Sohn deutscher Eltern wurde mit vier zum ersten Mal vom Jugendamt in einem Kinderheim untergebracht. Er hatte Blutergüsse von Schlägen, war unterernährt und mit Krätze verseucht. In einem einzigen Jahr sei er dreimal eingeliefert worden, klagt eine Erzieherin: "Immer, wenn wir ihn aufgepäppelt hatten, kamen die Eltern und holten ihn wieder ab." Mit Genehmigung des Jugendamtes. Und der Begründung: Ein Kind gehöre zu Mutter und Vater. Was so wohlmeinend klingt, ist finanzielles Kalkül. Gute Kinderheime sind teuer, schlechte Eltern kosten nicht viel.

Es wird viel über Kinder geredet. Als statistisches Problem. Dann, wenn sie Schulversager in Pisa-Studien sind. Oder eine stetig wachsende, anonyme Masse in den Armutsberichten der Wohlfahrtsverbände. Vor allem aber machen sich Politik und Medien über jene Sorgen, die nicht geboren werden, weil immer mehr gebildete junge Frauen kinderlos bleiben. Ungebildete junge Frauen, die als Kind nie eine Chance gehabt haben, kriegen nach wie vor Kinder. Wir begegnen ihnen auf Schritt und Tritt, in der größten Stadt und im kleinsten Dorf, wo sie auf den Straßen herumlungern, sich selbst überlassen - über sie spricht keiner.
Denn: "Man sieht nur die im Licht, die im Dunkeln sieht man nicht."

von Cornelia Filter

Artikel Nr. 6 von 6 in: Rundbrief Nr. 62 - Dezember 2004
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